___STEADY_PAYWALL___ u.a. die Fragen, die sie sich bei den Recherchen zu ihrem Roman „Menschenwerk (Sonyeoni onda 소년이 온단, 2014)“ stellte: „Kann die Gegenwart der Vergangenheit helfen? Können die Lebenden die Toten retten?“ Nachdem sie einen Tagebucheintrag eines jungen Studierenden aus Gwangju in der letzten Nacht vor seiner Tötung gelesen hatte, beschloss sie diese Fragen auf den Kopf zu stellen und ihren Roman aus folgender Warte zu schreiben: „Kann die Vergangenheit der Gegenwart helfen? Können die Toten die Lebenden retten?“
Han Kangs Nobelpreisrede findet ihr hier: https://www.nobelprize.org/prizes/literature/2024/han/lecture/ (Zugriff 2026-01-05)
Wir befinden uns im Jahr 2025, einem Jahr, in dem Yoon Seok-yeols grotesker Versuch eines „Staatsstreichs“ qua Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 2024 dank der parlamentarischen und außerparlamentarischen demokratischen Anstrengungen der südkoreanischen Bürger*innen direkt abgewehrt werden konnte. Es ist ein Jahr, welches Han Kangs Worte „Die Toten retten die Lebenden“ Wirklichkeit werden lässt.1Anm. der Übersetzerin: Die Aussage „Die Toten retten die Lebenden“
(im Original „Jugeun ja-ga san ja-reul sallinda죽은 자가 산 자를 살린다“) nimmt Bezug auf Han Kangs Nobelpreis-Vortrag „Licht und Faden (Bit-gwa sil)“ vom 7. Dezember 2024, nur vier Tage nach der illegitimen Verhängung des Kriegsrechts durch Yoon Suk-yeol. In ihrer Rede beschreibt Han Kang
Als wir, die in Deutschland lebenden Südkoreanerinnen, von der Verhängung des Kriegsrechts durch Yoon Suk-yeol erfuhren, stürmten auch wir spät abends auf die Straße, forderten Yoon Suk-yeols Rücktritt und sangen Lieder über die Demokratie. Ich traf dabei auf viele mutige Bürgerinnen, die wach geblieben waren.2Mehr dazu könnt ihr auch in Nam-myoung Hongs Artikel [link] lesen.
Besonders bewegt hat mich der Anblick der koreanischen Senior*innen, die hier in Deutschland leben und als Bergleute und Krankenschwestern gearbeitet hatten, die zusammen mit anderen spontan Erschienenen in dieser kalten Winternacht für die Demokratie kämpften.
In diesem Text möchte ich die Geschichten der Menschen erzählen, die ihre Heimat nie vergaßen und stets für die Demokratie und eine gerechte Gesellschaft in Südkorea kämpften, obwohl sie im Ausland leben.
„Die Mai-Gedenkfeier findet statt, um an die Demokratisierungsbewegung in Gwangju zu erinnern und ihr Erbe zu bewahren. Sie feiert in diesem Jahr ihr 45-jähriges Jubiläum. Ihr Ursprung liegt im Jahr 1980, unmittelbar nachdem die Wahrheit über die brutale Niederschlagung der Proteste in Gwangju durch die Berichterstattung der deutschen Journalisten Jürgen Hinzpeter und Henning Rumohr unter Einsatz ihres Lebens im deutschen Fernsehen enthüllt wurde. Schockiert und empört sahen die in Deutschland lebenden Koreaner*innen die TV-Sendung. Sie kamen zusammen, um den Rücktritt von Chun Doo-hwan zu fordern und der Opfer von Gwangju zu gedenken. Dieses Gedenken wird nun seit 45 Jahren lückenlos fortgeführt.“
– Das war alles, was ich bisher über die Mai-Gedenkfeier wusste.
Beim diesjährigen Jubiläum präsentierte Seo Eui Ok, Vorsitzende der Vereinigung Solidarity of Korean People in Europe (Han minjok yureop yeondae한민족 유럽 연대), zahlreiche Fotografien und hielt einen bedeutungsvollen Vortrag, der weit über die Geschichte der Mai-Gedenkfeier hinaus ging und die ganze Geschichte der sozialen Bewegungen der diasporischen Südkoreaner*innen vor Ort in Deutschland umfasste.
[Sie sprach über d]ie Gefühle und Erlebnisse der Koreaner*innen, die in ein geteiltes Deutschland einwanderten und noch den Schmerz ihrer eigenen Landesteilung in sich trugen; [über den] Kampf für eine gerechte südkoreanische Gesellschaft und das ihnen im Gegenzug zugefügte Stigma, “Bbalgaengis“3Bbalgaengi (빨갱이) ist das koreanische Pejorativ für Kommunist und bezeichnet im südkoreanischen Kontext nicht nur die ideologische Überzeugung, sondern generell Menschen aus Nordkorea oder auch Menschen, die vermeintlich pro-nordkoreanische Haltungen haben. zu sein; die Realität ihrer immer noch geteilten Heimat aus der Sicht eines längst vereinten Deutschlands; und ihr Engagement für die Demokratiebewegung Südkoreas, das sie trotz der großen Distanz weiterführten – all diese Erfahrungen und Lebensgeschichten sind ein untrennbarer Teil der Mai-Gedenkfeier. Diese Menschen erinnern nicht nur an ihre Mitstreitenden in Gwangju, sondern sie treten in die Fußstapfen ihrer Vorgängerinnen, verkörpern den lebendigen Geist von Gwangju und kämpfen in Erinnerung an die Toten und im Sinne der Lebenden gegen Ungerechtigkeit.
Besonders die Zusammenkunft der Lebensälteren, die an all den historischen Momenten auf den Fotos selbst mitgewirkt hatten, machte die Feier zu einem lebendigen Museum, zu einer Begegnungsstätte mit den echten Protagonistinnen der Geschichte. Es war ein ergreifender Vortrag, der die tiefempfundenen Gefühle von Solidarität und gegenseitigem Vertrauen dieser Zeitzeuginnen zum Ausdruck brachte.. Diese tiefe Solidarität und Verbindung verleihen den Begriffen „Kameradin“ und „Kameradinnenschaft“ erst ihren wahren Sinn und ich beneidete sie um ihren unerschütterlichen Zusammenhalt.
Das diesjährige Fest bot nach langer Vorbereitung und intensiver Diskussion am Freitag ein neues Seminar für die jüngeren Generationen an. In der Vergangenheit fanden im Rahmen der Mai-Gedenkfeiern in Deutschland auch politische Seminare statt, die von der zweiten Generation organisiert und moderiert wurden. Diese konnten für längere Zeit nicht umgesetzt werden. Das neue Seminar war ein Versuch, das Engagement und den Austausch der jüngeren Generationen wiederzubeleben. Im Mittelpunkt einer intensiven Debatte standen die Identität der Mai-Gedenkfeier und der Diaspora – speziell zwischen Korea und Deutschland – sowie der Kontrast zwischen Theorie und Praxis in sozialen und politischen Bewegungen. Besonders schwer zu beantworten waren dabei die Fragen nach dem Wesen der Mai-Gedenkfeier und danach, welche Gemeinsamkeiten uns als jüngere Generation befähigen, deren Geist weiterzutragen.
Doch wenn ich jetzt, etwa einen Monat später, beim Schreiben dieses Textes auf die Feier zurückblicke, ähneln meine Gefühle für die Gedenkfeier, wenn ich es in Worte fassen müsste, eher einer vagen Sehnsucht.
Was macht die Mai-Gedenkfeier zur Mai-Gedenkfeier? Ist es nicht jener Gerechtigkeitssinn, der sich für die Schwachen einsetzt und dem Unrecht die Stirn bietet? Sind es nicht die Kameradinnen, die diese Haltung im anderen erkennen und gemeinsam Hand in Hand diesen beschwerlichen Weg gehen? Und ist es nicht genau diese Art von Geschichte, die wir gemeinsam mit diesen Weggefährt*innen schreiben?
Der Philosoph Vilém Flusser war der Meinung, dass Heimat kein Ort sei, sondern in unseren Verbindungen zu anderen Menschen liege. Wenn das zutrifft, dann glaube ich, dass die Mai-Gedenkfeier für die erste Generation eine einzigartige „Heimat“ darstellt und für uns alle in der Diaspora eine wertvolle Gelegenheit bietet, diese Heimat zu finden.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Na-Rhee Scherfling
- 1Anm. der Übersetzerin: Die Aussage „Die Toten retten die Lebenden“
(im Original „Jugeun ja-ga san ja-reul sallinda죽은 자가 산 자를 살린다“) nimmt Bezug auf Han Kangs Nobelpreis-Vortrag „Licht und Faden (Bit-gwa sil)“ vom 7. Dezember 2024, nur vier Tage nach der illegitimen Verhängung des Kriegsrechts durch Yoon Suk-yeol. In ihrer Rede beschreibt Han Kang___STEADY_PAYWALL___
u.a. die Fragen, die sie sich bei den Recherchen zu ihrem Roman „Menschenwerk (Sonyeoni onda 소년이 온단, 2014)“ stellte: „Kann die Gegenwart der Vergangenheit helfen? Können die Lebenden die Toten retten?“ Nachdem sie einen Tagebucheintrag eines jungen Studierenden aus Gwangju in der letzten Nacht vor seiner Tötung gelesen hatte, beschloss sie diese Fragen auf den Kopf zu stellen und ihren Roman aus folgender Warte zu schreiben: „Kann die Vergangenheit der Gegenwart helfen? Können die Toten die Lebenden retten?“ Han Kangs Nobelpreisrede findet ihr hier: https://www.nobelprize.org/prizes/literature/2024/han/lecture/ (Zugriff 2026-01-05)
- 2Mehr dazu könnt ihr auch in Nam-myoung Hongs Artikel [link] lesen.
- 3Bbalgaengi (빨갱이) ist das koreanische Pejorativ für Kommunist und bezeichnet im südkoreanischen Kontext nicht nur die ideologische Überzeugung, sondern generell Menschen aus Nordkorea oder auch Menschen, die vermeintlich pro-nordkoreanische Haltungen haben.