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aus dem Lautarchiv
Katharina Borchardt: Sie haben die beiden Arirang-Aufnahmen aus dem Lautarchiv der Berliner Humboldt-Universität gehört. Diese wurden von zwei koreanischstämmigen stämmigen Kriegsgefangenen gesungen und 1916/1917 in deutschen Kriegsgefangenenlagern aufgenommen. Was haben Sie beim Hören empfunden?
PARK Hee Seok: Es ist natürlich etwas Besonderes, so alte Aufnahmen zu hören. Besonders interessant fand ich es, dass die beiden Sänger aus Russland kamen. Ihre Familien gehörten wohl zu jenen Koreanern, die Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts aus Armut auswandern mussten. Ich habe ihr Leid gespürt, als ich die beiden Arirang-Aufnahmen gehört habe.
Arirang ist ein trauriges Lied. Viele Arirang-Versionen erzählen von der Trennung zweier Liebender: Der eine geht über einen Bergpass davon, der andere bleibt zurück.
Trotzdem wurde Arirang früher oft sehr bewegt und mit viel Tempo gesungen. Doch mit der Zeit wurde das Lied emotional aufgeladen und irgendwann mit dem schweren Schicksal der Koreaner – mit der Kolonisation und der Teilung des Landes – konnotiert. Es hat eine Umdeutung erfahren und wurde deshalb mit der Zeit auch immer langsamer gesungen. Richtig getragen. Deshalb wird Arirang heute als ein sehr trauriges Lied empfunden. Das war aber nicht immer so.
Es gibt regional ganz unterschiedliche Arirang-Versionen. Trotz der vielen Varianten gibt es heute aber eine offizielle Arirang-Fassung, die alle kennen. Wie kommt das?
Diese allgemein bekannte Arirang-Version entstammt NA Ungyus »Arirang«-Film von 1926. Sie ist heutzutage in Nord- und Südkorea bekannt.
Ist diese Filmversion auch die offizielle Version des Liedes, die heutzutage bei großen Veranstaltungen gespielt wird?
Ja, sie gilt als Arirang-Fassung schlechthin. Sie wird zum Beispiel gespielt, wenn nord- und südkoreanische Sportmannschaften gemeinsam zu einem Wettkampf antreten und eine Medaille gewinnen. Das passiert zwar nicht oft, aber manchmal schon. Normalerweise wird zu so einer Gelegenheit ja immer die Nationalhymne eines Landes gespielt. Doch als eine gesamtkoreanische Damennationalmannschaft 1991 die Tischtennis-WM in Japan gewann – gegen die chinesischen Champions! –, wurde statt der Nationalhymnen Arirang gespielt. Das war schön.
Aber die Nationalmannschaften beider Länder laufen bei Sportwettkämpfen nicht immer gemeinsam ins Stadion ein oder bilden gemeinsame Mannschaften.
Nein, das klappt leider nicht immer. Aber zur Sommerolympiade im Jahr 2000 in Sydney sind die Sportler Hand in Hand zu Arirang ins Stadion eingezogen. Zu den Wettkämpfen sind sie dann aber getrennt angetreten. Deshalb wurde Arirang in Sydney auch bei keiner Medaillenverleihung gespielt.
Und wie ging es nach 2000 weiter?
In Athen 2004 und auch bei anderen Sportveranstaltungen wie etwa den Asiatischen Leichtathletik-Meisterschaften in Südkorea 2005 sind die beiden Mannschaften nochmal gemeinsam zu Arirang ins Stadion eingezogen, doch ab 2008 nicht mehr. Denn 2008 fand die Olympiade in Peking statt, und das war politisch sehr heikel. Außerdem waren damals die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea nicht gut. Deshalb wurde auf den gemeinsamen Einzug verzichtet. 2012 in London war es genauso.
Also wird Arirang seit den 1990er Jahren als ein Lied empfunden, das die Gemeinsamkeiten zwischen Nord- und Südkorea betont und die beiden Länder einander näherbringt?
Nicht erst seit den 1990er Jahren! Schon 1963 waren sich die Sportverbände beider Länder darüber einig, dass Arirang ein nationales Lied ist und die beiden Nationalhymnen zu bestimmten Anlässen ersetzen kann. Arirang ist deshalb ein gemeinsames Lied, weil es Emotionen vereint, die Nord- und Südkoreaner teilen. Denn beide Seiten assoziieren, kurz gesagt, mit diesem Lied einerseits den gemeinsamen Widerstand gegen die japanische Kolonialherrschaft. Andererseits erinnert es uns daran, dass wir zusammengehören. Wir sind eigentlich ein Land, denn wir haben ein gemeinsames Lied!
Spielt es dabei auch eine Rolle, dass viele Arirang-Versionen von getrennten Liebenden erzählen? Das Gefühl des Verlustes kann leicht auf den Verlust der nationalen Souveränität während der japanischen Kolonialzeit und den Verlust des jeweils anderen Landesteils nach dem Koreakrieg übertragen werden, oder?
Ja, dem verlorenen Geliebten wurde tatsächlich je nach historischer Situation eine andere Bedeutung beigelegt. Arirang wird emotional immer wieder transformiert.
Wie kam es denn dazu, dass der Widerstand gegen die Japaner mit diesem Lied assoziiert wurde?
Die offizielle Arirang-Version stammt ja aus dem »Arirang«- Film von 1926. Dieser war ursprünglich nicht besonders japan-kritisch. Doch mit den Jahren erfuhr der Film eine Umdeutung. Denn darin wird die Hauptfigur CHOE Yeongjin verrückt. Eigentlich hatte das mit seinen persönlichen Lebensumständen zu tun, auch mit seinem Studium. Doch als der Film vorgeführt wurde, veränderten die Live-Erzähler – es war ja ein Stummfilm – die Geschichte nach Gutdünken. Wenn keine japanischen Polizisten im Publikum waren, erzählten sie zum Beispiel, dass dieser Student an der Unabhängigkeitsbewegung vom 1. März 1919 teilgenommen habe. Er sei festgenommen und von japanischen Polizisten gefoltert worden. Deshalb sei er verrückt geworden. Der ursprünglich relativ unpolitische Film wurde also zu einer Widerstandsgeschichte umgedeutet, und so wurde auch das titelgebende Lied Arirang zu einem Lied, bei dem jeder an die Unterdrückung durch die Japaner dachte.
Deswegen machen sich Nord- und Südkorea das Lied auch gegenseitig nicht streitig?
Nein. Es verbindet uns im Gedenken an die gemeinsam erlittene Unterdrückung. Außerdem gibt es traditionelle Arirang-Versionen aus nordkoreanischen und aus südkoreanischen Provinzen. Es gab das Lied ja schon lange vor der Teilung.
Die Identifikation ist groß: In Südkorea etwa heißt der nationale Auslandssender »Arirang TV«, und die Nordkoreaner nennen ihre Massenchoreographien »Arirang-Festival«.
Kürzlich wurde sogar bekannt, dass die Nordkoreaner jetzt ein Smartphone entwickelt haben, das »Arirang« heißt. Und sie entwerfen schon lange neue Arirang-Fassungen mit sozialistischem Text. Solche Texte würden die Südkoreaner nach einer Wiedervereinigung allerdings nicht akzeptieren können.
Arirang mit sozialistischem Text… Gab es in der koreanischen Geschichte noch andere kuriose Fassungen dieses sehr variablen Liedes?
Ja, zum Beispiel das Incheon-Arirang. Incheon ist eine Hafenstadt in der Nähe von Seoul; deshalb haben sich dort schon im 19. Jahrhundert viele Japaner angesiedelt und Handel getrieben. Im August 1894 wurde ein Sprachführer für Japaner herausgegeben, die Korea bereisen wollten. In dieser Broschüre wurde auch das Incheon-Arirang abgedruckt. Das ist sonderbar, denn der Inhalt dieses Liedes ist für Japaner eigentlich sehr unangenehm. Darin singen die Koreaner nämlich, dass es in Incheon nicht mehr so schön sei, seit so viele Japaner da sind. Die Berge und die Flüsse seien auch nicht mehr so schön, und die armseligen Koreaner müssen nun unter den Japanern leiden. Warum haben die Japaner so ein Lied in ihrer Tourismusbroschüre abgedruckt? Ich weiß es nicht. Vielleicht wollten sie die Japaner vor den unzufriedenen Koreanern warnen?
Und wurde Arirang auch während des Koreakriegs gesungen?
Arirang wurde während des Kriegs als »musikalische Kugel« verwendet. Sowohl die süd- als auch die nordkoreanischen Truppen spielten das Lied nämlich lautstark ab, wenn feindliche Truppen in der Nähe waren. Beide Seiten wollten den jeweiligen Gegner daran erinnern, dass hier Brüder gegen Brüder kämpften. Dadurch sollten die gegnerischen Soldaten zum Überlaufen bewegt werden. Schon im Januar 1951 – sechs, sieben Monate nach Ausbruch des Krieges – vermeldete die südkoreanische Tageszeitung »Chosun Ilbo«, dass durch diese Musikstrategie monatlich rund vierzig Nordkoreaner zu den südkoreanischen Truppen übergelaufen seien. Umgekehrt mag es aber ähnlich gewesen sein.
1956 wurde dann eine Marschmusik-Variante von Arirang zum offiziellen Marsch der 7. Infanteriedivision der US-Armee für ihren Einsatz während des Koreakriegs erklärt.
Mehr noch: Durch die ausländischen Soldaten, die aus den USA und sechzehn weiteren Ländern kamen, um Südkorea im Koreakrieg zu unterstützen, wurde das Lied weltweit bekannt. Unter den Soldaten waren ja nicht nur Militärmusiker, sondern auch einige Jazz-Musiker. Die verjazzten Arirang nach dem Krieg sogar.
Zu welchen Anlässen wird Arirang heute in Korea gesungen? Zuhause, in der Familie oder bei Festen?
In alltäglichen Situationen oder in der Familie wird das Lied eigentlich nicht mehr gesungen. Es wird vor allem an wichtigen Feiertagen im Fernsehen vorgetragen. Da werden dann auch die regional unterschiedlichen Versionen vorgestellt. Meistens sind es ausgebildete Sängerinnen – ab und zu auch Sänger –, die Arirang singen. Arirang ist vom einfachen Volkslied zum Kulturschatz geworden.
Zur Herauslösung des Liedes aus dem alltäglichen Zusammenhang passt es dann ja auch, dass Arirang von der UNESCO zum Immateriellen Weltkulturerbe ernannt wurde, oder?
Ja, die südkoreanische Regierung hat es glücklicherweise geschafft, Arirang auf diese Liste zu bringen. Denn zuvor hatten dies bereits die Chinesen versucht. Schließlich leben auch in der chinesischen Mandschurei viele Koreaner, und diese werden in China als eine der nationalen Minderheiten geführt. Die chinesischen Behörden haben das Lied deshalb als ein zu China gehöriges eingestuft und wollten es von der UNESCO anerkennen lassen. Als die südkoreanische Regierung davon erfahren hat, hat sie sich sehr beeilt, dass uns das Lied nicht streitig gemacht wird. Gut, dass sie das 2012 auch geschafft hat.

