Feldbericht über nordkoreanische Geflüchtete

Autor*innen Info (Stand 20XX)
Dieser Artikel ist erstmals 20XX in der Printausgabe vom Koreaforum XY erschienen.

Studien, die sich auf wirtschaftliche Aktivitäten und die Beschäftigungsquoten von nordkoreanischen Geflüchteten konzentrieren, übersehen zumeist die Bedeutung des Gender-Aspekts. Die Forscherin Yoon Bo-Young hingegen bedient sich der Mikrosoziologie, um die aus Nordkorea geflüchteten Frauen zu verstehen. Hier sind einige ihrer Feldberichte, die von Erfahrungen dieser Frauen erzählen.

Yoon Bo-Young hat zur grenzüberschreitenden Praxis von nordkoreanischen Geflüchteten promoviert und ist derzeit Dozentin am Fachbereich für Nordkoreastudien an der Dongguk Universität in Seoul. Ihre Forschungsbereiche sind die nordkoreanische Gesellschaft und Bevölkerung, Integration nordkoreanischer Geflüchteter in Südkorea, Gender Studies sowie Friedensbildung. (Stand 2021)


Dieser Artikel ist erstmals 2021 in der Printausgabe vom Korea Forum 28 erschienen.

Feldbericht über nordkoreanische Geflüchtete

Die zweifache Identität von nordkoreanischen Geflüchteten

Seit Ende des Kriegs zwischen Nord- und Südkorea im Juli 1953 befinden sich die beiden Länder in einem fragilen Waffenstillstand. Dieser Waffenstillstand ist eine Gratwanderung zwischen Abgrenzung und Annäherung, der sich auch in der Bewegung der Koreaner*innen zeigt: Mehr als 50 Jahre lang sind Menschen vom Norden in den Süden und vom Süden in den Norden ge-habe ich mit geflüchteten Frauen aus dem Norden gezogen. Als noch der Wettbewerb der Systeme ausgetragen wurde, waren die Regierungen von Nord- und Südkorea darauf erpicht, Menschen aus dem jeweils anderen Land zu sich zu locken. Doch jetzt, da keine Systemkonkurrenz mehr herrscht, werden Menschen, die aus Nordkorea fliehen, im Süden anders wahrgenommen: Als Menschen aus einem armen, diktatorisch regierten Land, nordkoreanische Flüchtlinge. In Nordkorea werden sie als treulose Verräter betrachtet, die ihr Vaterland verlassen haben, während sie auch in Südkorea nur als Bürger*innen zweiter Klasse angesehen werden. Dennoch bemühen sie sich, unabhängig von diesen Bezeichnungen ihr Leben neu aufzubauen.

Einige von ihnen treten in Fernsehsendungen auf oder unterhalten eigene YouTube-Kanäle, um über das Leben in Nordkorea zu erzählen, und sind dadurch zu Berühmtheit gekommen. Ein Großteil der nordkoreanischen Geflüchteten in Südkorea aber möchte ihre Herkunft so gut es geht verbergen. Ihre Berichte über das anfängliche Zurechtfinden in Südkorea klingen wie die Geschichten von Alice im Wunderland und zeigen, wie sie mit einem großen Kulturschock umgehen. Die meisten, die es geschafft haben anzukommen, wollen als »normale Südkoreaner*innen« weiterleben. Aber unabhängig von ihrem Willen werden sie als nordkoreanische Geflüchtete dargestellt und bei militärischen oder diplomatischen

Provokationen seitens Nordkoreas auch mal mit Fragen im privaten Umfeld konfrontiert, die ein Individuum nicht beantworten mag. Sie wollen unter den Südkoreaner*innen wirtschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung finden. Sie fühlen sich minderwertig, brüsten sich andererseits aber damit. eine den Südkoreaner*innen verborgene Welt im Norden zu kennen. Widersprüchliche

Gefühle wie ein schlechtes Gewissen und Sehnsucht, Liebe und Hass bezüglich ihrer zurückgelassenen Familien im Norden prallen zudem aufeinander.

Bislang hat sich die Forschung bezüglich der Situation von nordkoreanischen Geflüchteten in Südkorea auf die Lebensrealität nach der Flucht, die staatlichen Hilfsprogramme, rechtliche Probleme, Akzeptanz in der Gesellschaft, Trauma der Flucht und die posttraumatische Stressbewältigung sowie auf die Arbeitssuche und Erwerbstätigkeit und auf den Bereich Bildung konzentriert. Bei nordkoreanischen Frauen, die 72 Prozent der Geflüchteten ausmachen, kommt in Südkorea die Diskriminierung als Frau hinzu, sodass eine noch kompliziertere Benachteiligung bisher nicht erforscht ist.

Als Wissenschaftlerin südkoreanischer Herkunft habe ich mit geflüchteten Frauen gesprochen und Diskriminierung und Mobbing am Arbeitsplatz und die Gewöhnung an die Werte der Region erforscht und möchte den Wandel von Identität und Mentalität aus vielfältiger Sichtweise untersuchen. Die nachfolgenden kurzen Geschichten sind die Dokumentation dieser Begegnungen, mit denen ich die komplexe Diskriminierungsstruktur, in der sich die nordkoreanischen Frauen in Südkorea befinden, beleuchten möchte.

Feldbericht 1: Die Gendersensibilität und die zweischneidige Erfahrung einer nordkoreanischen Geflüchteten

Es ist nicht so, dass es in Nordkorea keine Probleme mit sexueller Gewalt geben würde, aber in der offiziellen Presse, Literatur und in Filmen wird dies nicht dargestellt. Die nordkoreanische Presse berichtet nur von der sexuellen Gewalt der Japaner während der japanischen Kolonialherrschaft sowie von neueren Fällen aus Südkorea. Taten, die in Nordkorea geschehen, werden nicht erwähnt. In der nordkoreanischen Zeitung Rodong Sinmun(Arbeiterzeitung) habe ich drei Artikel zu Sexualstraftaten gefunden, darunter einen Fall, in dem ein Japaner eine in Japan lebende Koreanerin sexuell belästigt hat, und weitere zwei Artikel über Fälle von sexueller Belästigung durch südkoreanische Politiker. Auch die Art, wie die nordkoreanische Presse mit Sexualverbrechen umgeht, unterscheidet sich von den südkoreanischen Medien. Anders als andere Berichte über Verbrechen werden Sexualstraftaten sehr metaphorisch umschrieben. Beispielsweise heißt es in einem im Jahr 2013 erschienenen Artikel über die »sexuell belästigenden Machenschaften« eines südkoreanischen Politikers, dass diese »so beschämend« seien, dass man »darüber nicht sprechen« könne und »eine moralisch nackte Widerlichkeit« darstelle. Südkoreanische Medien hingegen berichteten unverblümt, dass »er unbekleidet war und den Po des Opfers angefasst hatte«.

Diese zurückhaltende Haltung gegenüber sexuellen Fragen ist auch bei aus Nordkorea geflüchteten Frauen zu beobachten. Auf die Frage, ob sie jemals sexuelle Belästigung oder sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz in Süd-Korea erlebt hatten. antworteten die meisten: »Ich gebe acht. dass so etwas nicht passiert.« Sie sagten. dass sie sich auch dann nicht äußern würden, wären sie sexuell belästigt worden. Obwohl sie keine Schuld trifft, würde das Opfer dafür verurteilt werden, »unsittlich« gehandelt zu haben. Sie erzählten von Fällen, in denen südkoreanische Frauen Sexualverbrechen angezeigt hatten und dafür verurteilt wurden. Wenn sie als nordkoreanische Frauen dies zur Anzeige brachten, wie sehr würden ihre Aussagen angezweifelt und kritisiert werden? Unabhängig davon, dass sexuelle Angelegenheiten vertuscht und tabuisiert werden, würden sie trotzdem Opfer von sexueller Belästigung und Gewalt. 

Die sexuelle Komponente, mit der sie konfrontiert sind, stünde in Zusammenhang mit der südkoreanischen Sicht auf nordkoreanische Menschen. So wird zwar über die Figur eine Frau unabhängig vom Herkunftsland geurteilt, bei nordkoreanischen Geflüchteten jedoch wird die Erfahrung des unerbittlichen Hungers vor ihrer Flucht zusätzlich dazu instrumentalisiert, um sie sexuell zu belästigen. Ich habe während meiner Feldstudie mit einer aus Nordkorea geflüchteten Frau gesprochen, die sagte, dass ihr männlicher Vorgesetzter ihre schlanke Figur lobte, während er eine fülligere südkoreanische Kollegin kritisierte und mit ihr verglich. Tatsächlich stellte er sogar die Frage, ob sie »nicht dick wäre, weil sie in Nordkorea hungern musste«. Die Frau, der diese Frage gestellt wurde, lebte in Nordkorea nicht in Armut und fühlte sich von diesen bemitleidenden Blicken, die sie als Frau aus einem armen Land betrachteten, schikaniert und beleidigt. Aber sie konnte nichts entgegnen. Nordkoreanerinnen bekommen zudem zu hören, dass tief ausgeschnittene Kleidung oder Parfum zu tragen ein wichtiges Know-How im gesellschaftlichen Leben sei, weil es eine »angemessene Weiblichkeit« unterstreichen würde. Tatsächlich berichteten einige nordkoreanische Frauen, dass ihr Arbeitsleben dadurch angenehmer wurde, dass sie sich femininer kleideten, gute Parfums benutzten und dem Ratschlag folgten, einfach mehr zu lächeln.

Feldbericht 2:

Gute Arbeiter*innen und gute Eltern in Südkorea werden

Neben der Diskriminierung, die Frauen erfahren, gibt es Schwierigkeiten, die sich aus den Unterschieden in der Arbeitskultur zwischen den beiden Koreas ergeben. Die südkoreanische Arbeitskultur, wie sie die meisten nordkoreanischen Geflüchteten erleben, ist im Vergleich zu

Nordkorea von längeren Stunden und einer viel höheren Arbeitsintensität geprägt. Wenn sie auf Schwierigkeiten oder Probleme stoßen, geben südkoreanische Chef*innen und Kolleg*innen manchmal den lapidaren Ratschlag, noch härter zu arbeiten und die südkoreanische Gesellschaft kennenzulernen, anstatt sie zu schulen oder das Arbeitspensum anzupassen. Wenn nordkoreanische Geflüchtete aktiv ihre Meinung äußern, empfinden die südkoreanischen Kolleg*innen dies als Protest. Darüber hinaus fällt es vielen von ihnen schwer, enge Beziehungen zu ihren Kolleg*innen aufzubauen, und selbst wenn es ihnen gelingen sollte, bleibt eine große Einsamkeit.

Dies setzt jedoch zunächst voraus, einen Arbeitsplatz zu finden. Bisher wies die Erwerbstätigkeitsquote von nordkoreanischen Geflüchteten keinen signifikanten Unterschied zur Beschäftigungsquote der Südkoreaner*innen auf. Allerdings ist der Unterschied bei den

Durchschnittslöhnen groß. Hinzu kommt, dass eine beträchtliche Anzahl von aus Nordkorea geflüchteten Frauen in Berufen arbeiten, in denen die Löhne niedrig und die Arbeitszeiten lang sind, wie in der Gastronomie, der Pflege und in sozialen Berufen. Nordkoreanische Frauen, die

kleine Kinder haben, ziehen es vor, nicht zu arbeiten und Sozialleistungen zu beziehen. Der Grund dafür ist, dass das Einkommen auch bei einer vollen Erwerbstätigkeit recht niedrig ist und es zugleich teuer ist, das Kind einer Kinderbetreuung anzuvertrauen. 
Die Mehrheit der nordkoreanischen Frauen, die ich in einem von vielen Nordkoreaner*innen bewohnten Viertel in Seoul traf, lebten von staatlichen Sozialleistungen. Erst in Südkorea lernten Eltern von Schulkindern die Aufgaben und Pflichten von »Schuleltern« kennen. Das war ungewohnt für sie, weil in Nordkorea die Verantwortung fur die Bildung der Kinder bei den Lehrer*innen liegt, in Südkorea aber auch bei den Eltern, vor allem bei der Mutter. Sie waren außerdem irritiert darüber, dass in Südkorea das Wort »Bildungsfieber« eine Bezeichnung für die Bemühungen der Eltern ist. Sie beobachten südkoreanische Eltern, lernen »Bildungsfieber« und versuchen sogar, sich einem Netzwerk von Eltern anzuschließen, die neue Informationen zu Bildung austauschen. Allerdings ist Bildung in Südkorea sehr umkämpft, und das »Bildungsfieber« ist quasi ein Informationskrieg der Eltern und verursacht unerträglich hohe Kosten: Südkoreanische Eltern sind erpicht auf Informationen, z.B. auf die Frage, auf welche Nachhilfeinstitute sie ihre Kinder nach der Schule schicken sollen und welche Lehrer*innen gut unterrichten. Allerdings sind solche Informationen mit enorm hohen Kosten verbunden, was eine aktive Teilnahme für geflüchtete Eltern aus Nordkorea erschwert. Zudem ist es ihnen selbst mit Informationen unmöglich, alle privaten Bildungsausgaben zu decken.

Feldbericht 3:

Voreingestellter Habitus

Es war sehr traurig zu beobachten, dass im Schnitt drei von zehn aus Nordkorea geflüchteten Eltern sich stritten und gegenseitig anzeigten. Kleinere Auseinandersetzungen zwischen den Kindern entwickelten sich teilweise zu großen Streitigkeiten zwischen den Eltern. Nordkoreanische Geflüchtete bewerten ihre eigene Stellung in der Gesellschaft, in der sie zur nordkoreanischen Flüchtlingsgruppe zählen, als negativ. Die negative Bewertung des nordkoreanischen Dialektes ist ein repräsentatives Beispiel für diese negative Einschätzung. Nordkoreaner*innen schämen sich für ihren Akzent, den sie als Symbol für ihre Rohheit, Armut und Unzivilisiertheit ansehen. Sie versuchen, in der leisen und sanften Art der Südkoreaner*innen zu sprechen, aber unter nordkoreanischen Geflüchteten, sagen sie, fallen sie wieder in den rohen,

armen und unzivilisierten« nordkoreanischen Akzent zurück. Daran erkennt man, dass die meisten nordkoreanischen Geflüchteten nur untereinander tiefe Beziehungen pflegen können, da sie einen ähnlichen sozialen Hintergrund haben.

Gleich welchen Beruf sie ausgeübt oder welcher sozialen Schicht sie im Norden angehört hatten, in Südkorea müssen nordkoreanische Geflüchtete ganz von vorne anfangen. Südkorea ist eine Wettbewerbsgesellschaft, sodass diejenigen, die gesellschaftlich »ganz unten« sind, sich auch innerhalb ihrer eigenen Schicht vergleichen, über die kleinsten Dinge streiten und sich gegenseitig dafür kritisieren, »dem Geld verfallen zu sein«. Sie vergleichen sich untereinander und nicht mit der südkoreanischen Bevölkerung. In vielen Fällen sind etwa die Sozialwohnungen, die Sozialleistungen und die medizinische Versorgung, die nordkoreanischen Geflüchteten von der Regierung zur Verfügung gestellt werden, nicht die Grundlage, um sich eine Existenz aufzubauen, sondern alles, was sie haben. Sie machen sich zwar selbst darüber lustig, dass die Sozialwohnungen ihre gesellschaftliche Stellung und Abhängigkeit in Südkorea zeigen, aber gleichzeitig haben sie weder finanzielle Mittel noch Bedürfnisse, in eine der teuren Eigentumswohnungen auf der anderen Seite der Straße zu ziehen. Diese Apartments sind so teuer und unerreichbar, dass sie nicht einmal davon träumen und gar nicht erst auf die Idee kommen, dort leben zu wollen. Sie ersticken jedes Verlangen danach, aus ihrer kleinen Insel ausbrechen zu wollen, im Keim. Das zeigt nicht nur die Lebensrealität der in Südkorea lebenden nordkoreanischen Geflüchteten, sondern vor allem, was für eine Lebensrealität generell in Südkorea herrscht.