Yajima: Was qualifiziert jemanden, um als Gott in den Yasukuni- Schrein aufgenommen zu werden?
Zushi: Wenn der japanische Staat anerkannt hat, dass man auf Befehl des Tennō (Himmlischer Herrscher) in den Krieg gezogen ist und dort ums Leben kam, oder dass der Krieg den Tod verursacht hat, wird man in den Yasukuni-Schrein aufgenommen. Ob auf dem Schlachtfeld, durch eine Krankheit, die man sich im Kriegsdienst zugezogen hat, oder ob man zum Beispiel verhungert ist, spielt dabei keine Rolle. Und auch wenn man als Kriegsverbrecher vor dem Tokyoter Kriegsverbrechertribunal hingerichtet wurde, ist man qualifiziert als Gott in den Yasukuni-Schrein aufgenommen zu werden, da man als Soldat die Befehle des Tennō befolgte. Damit übernimmt der Yasukuni-Schrein auch heute noch die Geschichtsauffassung, dass die Befehle des Tennō absolut richtig seien.
Wie versteht der Yasukuni-Schrein die Gottheit?
Seine Weltanschauung ist natürlich nicht christlich, hat aber mit der griechischen und der nordischen Mythologie Ähnlichkeit. Wie Walhalla ist der Yasukuni-Schrein der Ruheort der Kriegsgefallenen und damit der Götter des japanischen Kaiserreichs.
Am 26. Dezember 2013 hat Ministerpräsident Abe Shinzō entgegen der geltenden japanischen Verfassung den Yasukuni- Schrein besucht. Charakteristisch für diesen Besuch ist, dass er extra den kleinen Chinreisha (Schrein für die Seelenbesänftigung), der 1965 in der Anlage des Yasukuni-Schreins gebaut wurde, besucht hat. Können Sie den Hintergrund dazu näher erklären?
Abe selbst erklärte den Journalisten die Begründung für den Besuch von Chinreisha folgendermaßen: »Ich habe den Heldenseelen, die ihr teures Leben für das Vaterland opferten, meine Ehrfurcht ausgedrückt und die Hände zum Gebet gefaltet, sodass die Seelen in Frieden ruhen mögen. Gleichzeitig habe ich auch Chinreisha besucht, der in der Anlage des Yasukuni-Schreins steht. Chinreisha ist der Schrein für alle Kriegsgefallenen, die nicht im Yasukuni-Schrein verehrt werden. Er ist der Schrein, in dem alle Kriegsgefallenen verehrt werden, nicht nur japanische, sondern auch ausländische.
Was aber bedeutet der Chinreisha, auf den Abe so Wert legt?
Laut des Yasukuni-Schreins ist der Chinreisha als ein Ort gedacht, am dem »diejenigen Seelen ruhen, die nicht im Hauptgebäude des Yasukuni- Schreins verehrt werden, nämlich die im Krieg Verstorbenen aus aller Welt«. Dies bedeutet im Grunde genommen, dass nicht nur Adolf Hitler, Benito Mussolini, Adolf Eichmann, Saddam Hussein und Osama bin Laden hier verehrt werden, sondern gleichzeitig auch die Juden, die in NS-Konzentrationslagern wie Auschwitz ermordet wurden, oder auch die Opfer des Massakers von Nanjing.
Dass Abe im Namen des Friedens Adolf Hitler und japanische Soldaten, die Asien angriffen, verehrt, verstößt jedoch eindeutig gegen die japanische Verfassung. Denn in der Präambel der Verfassung heißt es: »Wir, das japanische Volk, wünschen immerwährenden Frieden und sind uns der hehren Ideale, die die Beziehungen unter den Menschen regeln, tief bewusst. Wir sind entschlossen, im Vertrauen auf die Gerechtigkeit und die Aufrichtigkeit aller friedliebenden Nationen unsere Sicherheit und Existenz zu wahren«. Artikel 20 besagt zudem: »Jedem ist die Freiheit des religiösen Bekenntnisses gewährleistet. Keine religiöse Gemeinschaft darf vom Staat mit Sonderrechten ausgestattet werden oder politische Macht ausüben.«
Hierzu ein kleines Beispiel: Am 15. August 2014, am Tag der Erinnerung an das Kriegsende, tauchte ein Mann in Wehrmachtsuniform mit Hakenkreuzfahne auf dem Gelände des Yasukuni-Schreins auf! Er sagte, er wolle die Nazis verehren. Die Verantwortlichen des Yasukuni-Schreins wollten ihn jedoch nicht vertreiben. Aber als Frau Lee Hee-Ja Einspruch erhob, weil der Yasukuni-Schrein den Namen ihres Vaters, der zu Unrecht als koreanischer Soldat in den Krieg eingezogen worden war, nicht aus der Liste der »Heldenseelen« gestrichen wurde, vertrieb man sie mit Polizeigewalt.
Daher bin ich auch dagegen, eine staatliche Gedenkanlage als Alternative zum Yasukuni-Schrein zu bauen, weil das bedeuten würde, den Staat mit der Bewertung des menschlichen Lebens zu beauftragen, was unweigerlich zu einer politischen Instrumentalisierung der Kriegstoten führt.
Kommen wir zum Thema »Deutschland und der Yasukuni-Schrein«. Können Sie den Hintergrund dieser langjährigen Beziehung erläutern, wovon nur wenige eine Ahnung haben?
Tatsächlich war es ein Deutscher, der damals den Yasukuni vor seiner Auflösung rettete: Die Befürworter des Yasukuni-Schreins betonen heute noch, dass es der deutsche Jesuit Bruno Bitter war, der durch seine Fürsprache bei General MacArthur den Schrein nach dem Krieg vor dem Abriss bewahrte. Als Abgesandter des Papstes in Japan soll er dem US-General gesagt haben: »Jeder Staat hat das Recht und die Pflicht, die Menschen, die für den Staat gestorben sind, zu verehren. Wenn Sie den Yasukuni-Schrein niederbrennen, würde diese Tat als höchst unehrenhafter Schandfleck in der Geschichte der US-Militärs erinnert werden. Wir sind der Meinung, dass alle Menschen, die für den japanischen Staat gestorben sind, im Yasukuni-Schrein verehrt werden sollten«.
Zudem erzählen die Anhänger des Yasukuni-Schreins gerne auch von der in Deutschland geborenen »Oma von Yasukuni«, May van Howell. Denjenigen Japanern, die den Yasukuni-Schrein ablehnen, soll sie gesagt haben: »Es ist sehr bedauerlich, dass ausgerechnet Japaner das geistige Erbe Japans nicht begreifen wollen, weil jeder, ob Ausländer oder Andersgläubiger, der eine fromme Religionsauffassung hat, die Bedeutung des Yasukuni-Schreins versteht«.
Es ist zwar nachvollziehbar, dass deutsche Offiziere vor 1945 aufgrund des Dreimächtepaktes den Yasukuni-Schrein besuchten, aber auch nach 1945 hat ihn das deutsche Militär im internationalen Vergleich relativ häufig besucht.
Die deutsche Marine hat drei Gingko-Setzlinge, die sie beim Yasukuni-Besuch 1970 geschenkt bekam, nach Deutschland mitgebracht. Sie hat sie neben dem Ehrenmal am Militärhafen Kiel-Laboe angepflanzt. Daneben steht eine Erklärung auf japanisch und deutsch.
Als Gegenleistung hat Deutschland dafür dem Yasukuni-Schrein drei Eichen zurückgeschenkt. Können Sie auch etwas zur Beziehung zwischen dem Yasukuni- Schrein und japanischen und europäischen Rechtsradikalen sagen?
Der Yasukuni-Schrein ist für die japanischen Rechtsradikalen ein heiliger Ort. So gab es deswegen 2014 zum Beispiel einen Eklat, weil ein Rechtsradikaler mit einer Ministerin der Abe-Administration ein Erinnerungsfoto gemacht hatte. Europäische Rechtsradikale hingegen haben zum Beispiel an der internationalen Konferenz »Treffen der Patrioten, die die Welt zum Frieden führen« teilgenommen, die japanische Gleichgesinnte in Japan organisierten. Zusammen haben sie dann den Yasukuni-Schrein besucht.