Die Ausweglosigkeit der Rückkehrer in Japan: Joseon, Japan, Nordkorea und wieder zurück

Stand 2020: Kim Yeo-Kyung ist Doktorandin im Fach Soziologie an der Doshisha Universität Kyoto.
Dieser Artikel ist erstmals 2020 in der Printausgabe vom Koreaforum 27 erschienen.

Einblicke in ihre Migrationsgeschichte zwischen Korea und Japan, dem Einfluss der Staaten auf ihr individuelles Leben und Hasskriminalität und Diskriminierung im Alltag

Durch eine Rückführungskampagne gingen zwischen 1959 und 1984 93.340 Angehörige der Minderheit der Zainichi-Koreaner in Japan1 Diese koreanischstämmigen Menschen sind vor allem in der Zeit zwischen 1910 und 1945 nach Japan eingewandert, als Korea eine Kolonie Japans war. zurück nach Nordkorea. Wie es den Rückkehrenden in Nordkorea erging, ist uns kaum bekannt. Seither ist viel Zeit verstrichen. Die Hungersnot zwang seit Anfang der 1990er Jahre viele Menschen aus Nordkorea über die Grenze nach China zu fliehen. Unter ihnen waren auch jene Rückkehrer aus Japan und deren Nachkommen. Einige der Zainichi-Rückkehrerinnen und Rückkehrer und ihre Familien ließen sich auch wieder in Japan nieder. Die japanische Regierung veröffentlicht zwar keine genauen Zahlen, aber eine NGO schätzte ihre Zahl im Jahr 2010 auf 200 bis 300 Personen. Laut einem dieser Rückkehrer in Osaka sind 2016 nur sehr wenige neue Geflüchtete aus Nordkorea nach Japan gekommen. Daher kann man davon ausgehen, dass sich auch die Zahl der Rückkehrer nicht sonderlich verändert hat. Viele der Geflüchteten aus Nordkorea wissen nicht einmal, dass sie nach Japan auswandern dürfen. Wohl um moralische Verantwortung für die Rückführungsaktion zu übernehmen, nimmt die japanische Regierung die Zurückgekehrten auf. Nur denjenigen, die an der Rückführungsaktion teilgenommen haben, sowie deren Familien, ist es erlaubt, sich in Japan niederzulassen. Die Überprüfung der vorherigen Rückkehr nach Nordkorea wird von NGOs gemacht und auch bei Einreise und Ansiedlung spielen NGOs eine große Rolle. Die Verantwortung der japanischen Regierung endet bereits mit der Übergabe der Geflüchteten an die Betreuer am Flughafen.

Seit Dezember 2009 habe ich etwa sieben Monate lang mehrere dieser Rückkehrerinnen und Rückkehrer interviewen können. Da sich in den NGOs, die mir diese Personen vermittelt haben, nationalistische Tendenzen verstärkt haben, konnte ich leider weder die eigene Meinung dieser Rückkehrer noch ihre eigenen Narrative in Erfahrung bringen. Während dieser Zeit hatte sich auch der Hass auf (Zainichi-)Koreanerinnen und Koreaner verschlimmert und es kam vermehrt zu Fällen von Hasskriminalität. Durch weitere Untersuchungen über Zaninichi-Schulen in Japan musste ich feststellen, dass hinter dem Phänomen des öffentlichen Hasses auf koreanische Menschen ein weit verbreiteter Diskurs steckt. Der vorliegende Text beschäftigt sich damit, wie Staaten wie Japan und Nordkorea auf das individuelle Leben der zurückgekehrten Zainichi-Koreaner Einfluss genommen haben. Sie wurden in Japan geboren, haben ihre Jugend in Nordkorea verbracht und sind als Erwachsene wieder nach Japan zurückgekehrt.2 Dieser Text ist eine gekürzte Fassung eines Aufsatzes, der in der von

der koreanischen wissenschaftlichen Gesellschaft für Oral History herausgegebenen Zeitschrift für Oral History Studien Nr. 1, Jg. 8 (2007), S.95-135 erschien.

Joseon3 Die Joseon-Dynastie, die von 1392 bis 1910 Korea regierte, auch Yi-Dynastie ge- nannt, und in der Literatur auch unter Chosŏn-Dynastie. , Heimat meiner Mutter

Was meine Mutter am meisten bereute, als sie nach Nordkorea ging, war, dass sie in Südkorea eine heranwachsende Frau gewesen ist. Sie war damals noch eine Jugendliche in Südkorea. Wegen der kommunistischen Regierung und wegen des Machtkampfes wurden Leute auf der Insel Jeju erschossen. Mit meiner Großmutter ist sie in die Berge geflohen, aber direkt neben ihr wurde meine Großmutter von einer Kugel getroffen und ist zusammengebrochen. Sie hat vor Angst am ganzen Körper gezittert und konnte ihre Mutter nicht einmal begraben. Ihre Verwandten haben sie dann nachts auf ein Boot gebracht, das nach Japan fuhr, damit wenigstens sie überlebt.

(im Gespräch mit K. im Mai 2010)

Die Zainichi sind zum größten Teil wegen der anhaltenden Unterdrückung unter der japanischen Kolonialherrschaft nach Japan gegangen. Nach der Befreiung Koreas wollten viele von ihnen in ihre Heimat zurückkehren. Aufgrund der politischen Maßnahmen der USA im Süden und der dort vorherrschenden schlechten politischen und wirtschaftlichen Lage entschieden sich jedoch viele dafür, in Japan zu bleiben. Von jenen, die trotzdem nach Korea zurückkehrten, kamen viele wieder zurück nach Japan.

Einer der politischen Hintergründe der illegalen Einreise nach Japan war der Jeju-Aufstand am 3. April 1948.4 Beim Jeju-Aufstand kam es 1948 auf der südkoreanischen Insel Jeju nach der Einsetzung einer rechtsgerichteten Lokalregierung durch die Regierung in Seoul zu genozidähnlichen Massakern an Teilen der Inselbevölkerung durch die Regierung. Widerstand gegen Polizeirepression und die Angst vor Fremdbestimmung der Insel hatten einen Aufstand linksgerichteter Rebellen ausgelöst. Am 3. April 1948 griffen diese auf der ganzen Insel Polizeikommandos sowie die Einrichtung einer rechtsextremen paramilitärischen Organisation an. (Wikipedia) Die Mutter von K. war, wie viele andere, aus Angst vor den Massakern der Regierung nach Japan geflohen. K. bettet dabei die Erlebnisse der Mutter und die Flucht nach Japan in ein Narrativ grausamer Gewalt ein, die damals durch das Aufeinanderprallen der Ideologien des Kalten Krieges von der Staatsmacht begangen wurde. In Südkorea wurden sie als »Ponto-in« (Festländer/ Einheimische) bezeichnet. K. benutzt »Ponto-in« aber auch für jene Nordkoreaner, die die zurückgekehrten Zainichi diskriminiert hatten. Aber auch in Südkorea sei es so gewesen. Sie erzählt von ihren widerstreitenden Gefühlen, über ihre Sehnsucht nach dem »Heimatland« und ih- ren Wurzeln. Gebrandmarkt als Kommunistin verlor sie als junges Mädchen ihre Mutter, musste ihre Familie hinter sich lassen und ganz alleine das Meer überqueren.

Japan, Geburtsland

Mehr als 80 Prozent waren Koreaner. Bei uns haben nur ganz wenige Japaner gelebt. Diese Gegenden haben sie immer »Butagoja« genannt [das japanische Wort für Schweinestall, Anmerkung des Übersetzers]. Weil man da eigentlich Schweine gezüchtet hat. Im Krieg, in den Vierzigern, wurden dort für die vielen Neuankömmlinge Häuser gebaut. So klein mit ganz niedrigen Decken, die sie Mundharmonika-Häuser genannt haben. Das war eine schwierige Zeit damals. Diskriminierung gegen Koreaner gab es auch. Ich habe nicht viel davon mitbekommen, weil ich ja ein kleines Kind war. Viele Japaner haben über uns gesagt, dass wir Koreaner nach Knoblauch und Kimchi stinken würden.
(im Gespräch mit C. vom Mai 2010)

Die rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung war für viele Zainichi in der japanischen Gesellschaft einer der Hauptgründe nach Nordkorea zurückzukehren. Der Vater von C. war erst 1949 nach Japan gekommen, hatte dann aber keinen Aufenthaltsstatus bekommen. Obwohl er mit einer Japanerin verheiratet war, konnten die gemeinsamen Kinder ebenfalls nicht registriert werden. Vor seiner Rückkehr in den Norden hatte C. in einer Gegend gelebt, in denen koreanische Menschen die große Mehrheit stellten. Japaner und Koreaner lebten mehr oder weniger in getrennten Wohngebieten. So bildeten sich letztlich von den Japanern abgetrennte Gemeinschaften. Das ehemalige Wohngebiet von C. ist auch heute noch eine der Gegenden, in denen viele Zainichi-Koreaner leben. Damals gab es für die mittellosen Koreaner nur die Möglichkeit, sich in bisher unbewohnten oder in bereits benachteiligten Gegenden niederzulassen, etwa in sogenannten »Schlachterdörfern«. Die Schweinezucht wurde dann auch eine wichtige Einkommensquelle für Zainichi aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit. Deswegen wurden diese Wohngebiete am Ende von den Japanern »Butagoja« genannt. Auch die Familie von C. wohnte in einem dieser »Mundharmonika-Häuser« in Armut und rechtlicher Unsicherheit. Zu sechst mussten sie sich ein einziges, zehn Quadratmeter großes Zimmer teilen. Zusätzlich mussten sie sich gefallen lassen, von den Japanern als »Knoblauchfresser« und »Kimchi-Stinker« verspottet zu werden. 1960 entschied der Vater von C., der damals Tagelöhner war und immer noch keine Aufenthaltserlaubnis hatte, für die Zukunft seiner Kinder mit der Familie nach Nordkorea zu gehen. Eine Statistik für 1959 zeigte die wirtschaftliche Problematik der koreanischen Minderheit in Japan: Von den 607.533  Zainichi-Koreanerinnen und Koreaner waren nur 24,4% erwerbstätig gewesen. Von diesen waren wiederum 52,5% Fabrikarbeiter. Die rechtliche Unsicherheit der Koreaner und Koreanerinnen in Japan begann mit dem »Gesetz zur Ausländerregistrierung« von 1947, dass sie nach der automatischen japanischen Staatsbürgerschaft unter der japanischen Kolonialherrschaft plötzlich als »Ausländer« klassifizierte. Mit dem Verzicht Japans auf seine kolonialen Ansprüche auf Korea im Friedensvertrag von 1952 verloren sie dann auch formal die japanische Staatsbürgerschaft und wurden staatenlos. Der japanischen Regierung war es dadurch auch möglich Zainichi-Koreaner auszuweisen. Es wird oft angeführt, dass die nordkoreanische Propaganda vom »Paradies auf Erden« ein wichtiger Grund gewesen sei, in den Norden zu gehen. Die Kehrseite dieser Aussage ist jedoch, dass Zainichi-Koreaner in Japan stark diskriminiert wurden. Für sie war die Migration nach Nordkorea damals eine »unvermeidbare Wahl« auf der Suche nach einem besseren Leben.

Nordkorea – das Korea, in dem man gelebt hat

Es gab Schulgeld, deswegen war das schon einmal einfacher. Essensrationen haben wir auch bekommen. Auch wenn wir uns nie satt essen konnten, mussten wir keine Angst haben, zu verhungern. Wenn ich mich in der Schule angestrengt und fleißig gelernt habe, waren die Lehrer immer nett zu mir. Deswegen war es auf der Schule auch nicht so schlimm. Auch wenn ich mich nie satt essen konnte, durch die Schule bin ich relativ gut gekommen.

(im Gespräch mit S. im April 2010)

Mich haben sie »Panjjokpari«, halber Klauenfuß, genannt und haben gemeint, ich sei doch ein halber Japaner. In der Klasse hat man mich immer sehr gehänselt. In unserer Stufe haben sie auch immer getuschelt, man solle mich am besten links liegen lassen, diesen halben Japaner. (im Gespräch mit K. im Mai 2010)

Im Interview erzählte S. vergleichsweise positiv von seiner Schulzeit, K. hingegen eher negativ. K. und seine Familie wurden in der Stadt angesiedelt, um als »Vorzeigefamilie« propagandistischen Zwecken Nordkoreas zu dienen, während S. mit seiner Familie auf dem Land untergebracht wurde. Trotz des besonderen Status von K. wurde er von Mitschülern verprügelt, nur weil er aus Japan kam. Die Unterstützung, die seine Familie aus Japan bekam, verschlimmerte das noch.
Anfangs hatte S. ebenfalls Schwierigkeiten, sich anzupassen, da er weder Unterstützung aus Japan bekam noch andere Rückkehrer aus Japan im selben Dorf lebten. S. konnte sich aber vollständig integrieren, heiratete sogar im Dorf, und die Nordkoreaner dort hatten auch keinerlei Berührungsängste. Wie sich an diesen beiden Beispielen zeigt, wurden Rückkehrer in Nordkorea durchaus diskriminiert und isoliert. Abhängig von dem Umfang der Unterstützung aus Japan, der wirtschaftlichen Situation, Wohnort und Beziehungen mit den anderen Nordkoreanern war die individuelle Situation jedoch sehr unterschiedlich.

Ungeachtet dieser Unterschiede wird aber deutlich, wie frustriert diese Rückkehrer im Allgemeinen von der Realität in Nordkorea waren, wie die Regierung sie ausnutzte und wie sie benachteiligt und überwacht wurden. Auch die Rückkehrer, die für diese Studie interviewt wurden, berichteten zum größten Teil von der Diskri-minierung, die sie erfahren haben. Je nach Zeit und Ort fanden sich jedoch auch Abweichungen von diesem Narrativ. Dennoch beschränkt sich die Diskussion gegenwärtig auf Fragen, wie schwierig das Leben für sie in Nordkorea war und wie sie politisch und wirtschaftlich ausgenutzt wurden, bzw. auf den Kontrast der nordkoreanischen Realität und der Propaganda in Japan, auf die Überwachung der Rückkehrer und die unsichtbare Grenze zwischen den »Kenjjang« (Bezeichnung für die Nordkoreaner, die die Rückkehrer untereinander benutzten) und den »Jjaepeo« (Bezeichnung für die Rückkehrer in Nordkorea). Zudem wird stark darauf fokussiert, dass in den Siebzigern viele von ihnen verhört, verurteilt oder anderweitig bestraft wurden. Auch die Frage, wie sich Unterstützung und Besuche der Familienangehörigen in Japan auf die nordkoreanische Wirtschaft und die gesellschaftliche Stellung der Rückkehrer auswirkte, findet Beachtung. Die negativen Berichte der geflohenen Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner sollten jedoch nicht überraschen, da es eben diese negativen Erfahrungen in Nordkorea waren, die sie zur Flucht veranlassten. Dementsprechend ist auch ihr Blick auf die nordkoreanischen Politik, Wirtschaft und Kultur eher kritisch. Dieses einseitige Narrativ der Geflohenen, das Nordkorea aus dem Systemkonflikt des Kalten Krieges heraus kritisiert, lässt jedoch die Tatsache beiseite, dass sie in Nordkorea gelebt haben und es selbst als »Vaterland« bezeichnen.

Trotz der verschiedenen Erfahrungen und Lebensverläufe ist den Rückkehrerinnen und Rückkehrern gemeinsam, dass ihre soziale Position als Zurückgekehrte in Nordkorea sie unausweichlich immer an ihre Zeit in Japan denken ließ. Sie mussten mit der tragischen Ironie leben, aus Sehnsucht nach dem Vaterland nach Nordkorea gegangen zu sein, während letztlich die Sehnsucht nach der Heimat sie wieder zurück nach Japan führte. 

Zurück nach Japan, nicht Südkorea

Ich würde gerne mein Dorf in Nordkorea besuchen. Aber ich habe Angst, wie man mich dort empfangen wird, wie man mich behandeln wird, und auf
wen ich dort treffen werde. Wegen lauter solcher Gedanken habe ich mich bis heute nicht getraut, mein altes Dorf im Norden zu besuchen.

(Im Gespräch mit S. im März, 2010)

Wie oben geschildert, gibt es für die Rückkehrer keinerlei Unterstützung seitens der japanischen Regierung. Allein »Mindan«, der dem Süden nahestehende Verband der Koreaner in Japan, zahlt ein einmaliges Begrüßungsgeld von 100.000 Yen. Weitere Hilfen bei Ankunft und Ansiedlung leisten lediglich NGOs vor Ort in Tokyo und Osaka. Systematische Unterstützung bei der Einreise, dem Erhalt einer Aufenthaltserlaubnis oder der Ansiedlung existiert nicht. Das ist eine entsprechende Lücke, die die Politik noch füllen muss. Zusätzlich kann man anführen, dass in Japan das Bild von Nordkorea so negativ ist, dass diese Rückkehrende lieber nicht über ihr Leben in Nordkorea sprechen, da dieses negative Bild negative Reaktionen in ihrem neuen Umfeld auslöst. Der steigende Hass auf Koreaner und Koreanerinnen und die Dämonisierung von Nordkorea in Japan nimmt dabei gegenwärtig stark zu.

S. wurde in Japan geboren und kehrte fünfzig Jahre später wieder nach Japan zurück. S. hat beides erlebt, sowohl »Oldcomer« als auch »Newcomer« zu sein, und ist gleichzeitig keines von beiden. Für die Kinder der Rückkehrer, die noch nie in Japan gelebt haben, kann man vielleicht von »Newcomern« sprechen. Für die Rückkehrer, die den Weg von Joseon nach Japan, dann nach Nordkorea und wieder zurück nach Japan hinter sich haben, ist es wiederum die Gesellschaft der Zainichi-Koreaner, die ihre eigentliche »Hei- mat« darstellt. Es wird jedoch manchmal zum Problem, dass sie bei ihrer Integration vollkommen von NGOs abhängig sind und selbst bei der Unterstützung durch die Familien japanischer Partner Kulturunterschiede bestehen. Ihr vorheriges Leben in Nordko- rea führt oft zu Diskriminierung und sie können sich auch nicht in die Gemeinschaft der Zainichi-Koreaner integrieren. Wegen dieser Probleme in der Integration ist es für die Rückkehrer und ihre Familien letztlich kaum möglich, in Japan wirklich anzukommen.

Aber warum haben sie sich nicht einfach dazu entschieden nach Südkorea zu gehen, das großzügige Unterstützung leistet, statt nach Japan? Manche entscheiden sich praktisch unfreiwillig für Japan, weil es durch die begrenzten Plätze im südkoreanischen Hanawon5 In Südkorea sind nordkoreanische Geflüchtete dazu verpflichtet, für mindestens drei Monate im Hanawon, einem Zentrum eine Stunde außerhalb von Seoul, zu wohnen und Integrationskurse zu besuchen. relativ lange dauert, bis sie wirklich in Südkorea leben können. Andere befürchten, in Südkorea genauso diskriminiert zu werden wie zuvor in Nordkorea. Trotz der Problematik, in Japan ihr Leben in Nordkorea verheimlichen zu müssen, können sie dort ein Leben als Neuankömmlinge führen und im Vergleich zur Diskriminierung der Flüchtlinge in Südkorea ein relativ freies Leben führen. Die Entscheidung gegen Südkorea wird von einer Vielzahl individueller Faktoren beeinflusst. Die Behandlung der nordkoreanischen Geflüchteten durch die südkoreanische Gesellschaft sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Auch wirkt es abschreckend, wenn die Regierung in Seoul fordert, dass die nordkoreanischen Geflüchteten selbst für die Unterbringung im Hanawon aufkommen sollen. Angesichts der fehlenden Mittel der meisten Geflüchteten ist es für sie praktisch unmöglich, diese Summen aufzubringen. Aus solchen Gründen entscheiden sich viele der Rückkehrenden am Ende wieder für Japan. Letztlich ist es auch Unsicherheit darüber, wie sich die Politik im Süden verändert, so wie die absurde Gesellschaftsstruktur dort, die sie dazu veranlasst, eher zurück nach Japan zu gehen.

Schluss

Ich kann viel von Südkorea erzählen. Aber letztlich sind nur meine Eltern dort geboren worden. Ich selbst bin noch nie da gewesen. In Nordkorea wurde ich auch nicht geboren, aber dort habe ich zumindest einmal gelebt. Deswegen kann ich wohl nur die Halbinsel Joseon als meine Heimat bezeichnen, weder den Süden noch den Norden, keinen Teil der koreanischen Halbinsel. Deswegen frage ich mich auch heute noch oft, wo mein Vaterland ist. (…) Hier in Japan, wenn auch nicht mein Vaterland, aber doch meine Heimat, denke ich, dass ich ja irgendwas finden muss, was ich über mein echtes Vaterland konkret sagen kann, aber … (Im Gespräch mit K. von Mai 2010)

Auf die Frage, was Vaterland für ihn bedeute, gab K. mit Tränen in den Augen diese Antwort. Diese Migrationsgeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt, ist letztlich direkt und indirekt mit beiden koreanischen Staaten und Japan verbunden. Die einzelnen Erfahrungen mögen sich jeweils unterscheiden, die politische, gesellschaftliche und rechtliche Diskriminierung ist jedoch ein wesentlicher Faktor gewesen, der ihnen keine andere Wahl ließ, als das jeweilige Land hinter sich zu lassen. Gerade bei den drei Personen, deren Interviews in diesem Aufsatz wiedergegeben werden, zeigt sich der starke Einfluss, den die Migration auf sie im Vergleich zu der Generation ihrer Eltern und Kinder genommen hat. Während sie sich an die japanische Gesellschaft vor ihrer Rückkehr in den Norden erinnern, sind sie im Norden groß geworden und haben dort gelebt, um mit etwa vierzig Jahren wie der nach Japan zu kommen. Ihre Wahrnehmung der jeweiligen Gesellschaften entscheidet sich entsprechend von der ihrer Eltern und Kindern.

Als zahlreiche Zainichi-Koreaner*innen im Zuge der Rückführungskampagne von der japanischen Regierung nach Nordkorea gebracht wurden, war Südkorea selbst politisch und wirtschaftlich in einer instabilen Lage. Deshalb hatte die südkoreanische Regierung die Betroffenen außer Acht gelassen. Sie wurden vielmehr instrumentalisiert. Auch ihr Leben in Japan war nicht einfach und in ihrer rechtlich und wirtschaftlich verzweifelten Situation gab die Rückführungskampagne ihnen Hoffnung. Aber auch in Nordkorea wurden sie aufgrund ihrer »Herkunft« diskriminiert und instrumentalisiert. Politische und wirtschaftliche Faktoren führten wiederum dazu, dass sie den Norden verließen und nach einer Zeit als Geflüchtete in China wieder nach Japan zurückkehrten. Von Seiten der japanischen Regierung erhielten sie keine Unterstützung und mussten aufgrund des negativen Nordkoreabildes verheimlichen, dass sie aus dem Norden kommen. Obwohl sie Teil der Gemeinschaft der früher in Japan angesiedelten Zainichi- Koreaner*innen waren, können sie sich nicht mehr in diese Gesellschaft integrieren. Sie sind Newcomer wie Oldcomer und doch keines von beidem. Ihre Leben und ihre Migration wurden durch die historischen Widersprüche von Kolonialismus und Kaltem Krieg verursacht. Siebzig Jahre nach der Teilung existieren diese Widersprüche noch immer.

Übersetzt aus dem Koreanischen von Lee Jungin

  • 1
    Diese koreanischstämmigen Menschen sind vor allem in der Zeit zwischen 1910 und 1945 nach Japan eingewandert, als Korea eine Kolonie Japans war.
  • 2
    Dieser Text ist eine gekürzte Fassung eines Aufsatzes, der in der von

    der koreanischen wissenschaftlichen Gesellschaft für Oral History herausgegebenen Zeitschrift für Oral History Studien Nr. 1, Jg. 8 (2007), S.95-135 erschien.
  • 3
    Die Joseon-Dynastie, die von 1392 bis 1910 Korea regierte, auch Yi-Dynastie ge- nannt, und in der Literatur auch unter Chosŏn-Dynastie.
  • 4
    Beim Jeju-Aufstand kam es 1948 auf der südkoreanischen Insel Jeju nach der Einsetzung einer rechtsgerichteten Lokalregierung durch die Regierung in Seoul zu genozidähnlichen Massakern an Teilen der Inselbevölkerung durch die Regierung. Widerstand gegen Polizeirepression und die Angst vor Fremdbestimmung der Insel hatten einen Aufstand linksgerichteter Rebellen ausgelöst. Am 3. April 1948 griffen diese auf der ganzen Insel Polizeikommandos sowie die Einrichtung einer rechtsextremen paramilitärischen Organisation an. (Wikipedia)
  • 5
    In Südkorea sind nordkoreanische Geflüchtete dazu verpflichtet, für mindestens drei Monate im Hanawon, einem Zentrum eine Stunde außerhalb von Seoul, zu wohnen und Integrationskurse zu besuchen.