Das Erleiden einer Diktatur und der Kampf, diese zu überwinden, habe ich in den ersten zehn Jahren meines Aufenthaltes in Südkorea, vom Frühjahr 1975 bis zum Sommer 1985, in vielfältigster Weise erlebt.
Bevor ich nach Korea ging, hatte ich keine Ahnung, was »Diktatur« bedeutete. Das Hitlerregime hatte ich als Kind erlebt, ebenso den Zweiten Weltkrieg, an den habe ich allerdings auch schreckliche Erinnerungen. Jedoch bin ich relativ »behütet« aufgewachsen und unpolitisch erzogen worden. So trafen mich die Ereignisse in Korea völlig unvorbereitet und mit voller Wucht. Wenn ich mich jetzt an die Zeit erinnere, möchte ich das mit Demut und Respekt tun, gerade weil ich meine eigene, zutiefst beschämende deutsche Vergangenheit im Blick habe.
Ich werde stichwortartig drei Geschehnisse beleuchten, durch die mir blitzartig die Entwicklungen bewusst wurden, wie sie um mich herum vorgingen und die ich so weder in Deutschland noch in Hong Kong erlebt hatte.
INHYEOKDANG-VORFALL
Wenige Wochen nach meiner Ankunft in Seoul wurden am Morgen des 9. April 1975 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion acht unschuldige Männer erhängt, die man einer kommunistisch unterwanderten Gruppe zurechnete. Sie wurden unter dem sogenannten Nationalen Sicherheitsgesetz (Anti-Kommunismus Gesetz) ohne einen formalen Gerichtsprozess zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung des Urteils wartete nicht länger als den kommenden Morgen ab.
Vor dem Gefängnistor kauerten acht Frauen – von nun an Witwen – der soeben getöteten Ehemänner. Ein Bild des Schreckens und des Jammers sondergleichen!
Amerikanische Missionare, die von dem entsetzlichen Geschehen erfahren hatten, mobilisierten Freunde und Bekannte, die zum Gefängnistor kamen, um den Frauen beizustehen. Als die Wagen mit den Leichen der acht Männer das Gefängnisgelände verließen, wurden die Frauen und solidarischen Menschen daran gehindert, den Totenzug zu begleiten. Die Polizei konfiszierte die Särge und gab den Befehl, sofort zum Krematorium zu fahren um sie dort verbrennen zu lassen. Das Leid war unbeschreiblich groß und traf die Frauen von jetzt auf nachher.
VERHAFTUNGEN, DEMONSTRATIONEN UND GEWALT
Ein zweites einschneidendes Ereignis war die plötzliche und gewaltsame Verhaftung von NCCK (National Council of Churches in Korea)-Generalsekretär Pfarrer Kim Kwan-Suk, Pfarrer Park Hyung- Kyu (Jae-il Kirche) und zwei weiteren Pfarrern (Cho Seung-Hyuk und Kwon Ho-Kyung). Sie hatten sich gemeinsam dafür engagiert, die Lebensverhältnisse der Bewohnerinnen und Bewohner im schlimmsten Elendsviertel von Seoul zu verbessern. Verantwortet wurde das Projekt von einem Pfarrer vor Ort. Die Gelder für das Projekt kamen aus Deutschland. Kim Kwan-Suk und den anderen Angeklagten wurde Veruntreuung der Gelder vorgeworfen. Übrigens waren kurz vor der Verhaftung der Männer Agenten in Kim Kwan-Suks Büro eingebrochen und hatten ihn mit Kot beworfen.
Das Gerichtsverfahren dauerte mehrere Monate. Pfarrer Wolfgang Schmidt, der damals für Brot für die Welt oder das Diakonische Werk in Deutschland tätig war, beobachtete den Gerichtsprozess. Ich selber konnte auch mehrmals an den Gerichtsverhandlungen teilnehmen. Mit Seilen aneinander gekettet wurden die vier Pfarrer in den Gerichtssaal geführt, gekennzeichnet als Schwerstverbrecher. In Wahrheit waren sie Nachfolger Jesu, die die Not und Leiden sowie die Ungerechtigkeit gegen so viele Menschen in Korea nicht mehr ertrugen und daraufhin aktiv geworden waren. Übrigens war damals Richard von Weizsäcker eigens nach Korea, insbesondere nach Seoul, gekommen, um sich persönlich ein Bild vom Leben und Alltag der Menschen in Armut zu machen. Mich hatte man zu seiner Begleitung mit auf den Weg geschickt. Unauslöschliche Eindrücke, wie sie heute nicht mehr vorstellbar sind. Das heute so schön gestaltete Cheonggyecheon war damals ein im Schlamm versinkendes, stinkendes Wohngebiet entlang des Abwasserkanals, nur mit armseligsten Hütten bebaut.
Allmählich lernte ich die allgegenwärtige Macht und auch Gewalt des Korean Central Intelligence Agency (KCIA) kennen: Die ständige Beschattung vieler Menschen, Einschränkungen in der Pressefreiheit, das Rede- und Versammlungsverbot, brutale Verhaftungen und Untersuchungshaft hunderter widerständiger Studierenden, aber auch von Industriearbeiterinnen und Arbeitern, die um den Verlust ihrer Arbeitsplätze bangten, wenn sie sich gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen wehrten. Es kam auch zu Entlassungen von Studierenden aus Universitäten, und – was noch mehr Aufsehen erregte – einem Lehrverbot für eine ganze Reihe von Universitätsprofessorinnen und Professoren. Auch die Theologische Hochschule Hanshin musste sich dem Diktat der Regierenden und des Geheimdienstes beugen. Ich hörte von schweren Folterungen mit dem Ziel, falsche Geständnisse zu erpressen. Überall breitete sich eine Atmosphäre der Angst und des Misstrauens aus. Wenn sich ein Unbekannter oder eine Unbekannte einem Kreis anschloss, verstummten die Anwesenden. Das KCIA war allgegenwärtig. Jede Demonstration, die in allen Fällen friedfertig begann, endete in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei und dem Militär. Letzteres griff sozusagen immer vorbeugend ein, wobei es zu schweren Menschenrechtsverletzungen kam.
MYEONGDONG-VORFALL
Am 1. März 1976 wurde im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes in der Myeongdong-Kathedrale eine Deklaration verlesen, die konkrete Schritte für demokratische Reformen forderte: Die Wiederherstellung der Menschenrechte auch für Arbeiter, Bauern und Bergleute, Freiheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft, Abschaffung der Notstandsgesetze und der Yushin-Konstitution, Unabhängigkeit der Gerichtsbarkeit der Politik, usw.
Achtzehn namhafte Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Politik (darunter Kim Dae-Jung und Yun Po-Sun), den Universitäten, der christlichen Kirche sowie auch aus buddhistischen Kreisen, Lyrik, Journalismus und Rechtsanwaltschaft hatten die Deklaration unterzeichnet.
Mein Chef vom Koreanisch-Theologischen Forschungsinstitut, Professor Doktor Ahn Byung-Mu und mein Gemeindepfarrer von der Hanbit-Kirche, Pfarrer Lee Hae-Dong gehörten zu den Opfern der unvergleichbaren Verhaftungswelle, die auf die Verkündigung der Deklaration folgte.
Nun waren auf einmal persönliche Beziehungen mit im Spiel, woraufhin ich noch stärker motiviert war, mich den Protesten der Angehörigen anzuschließen sowie an den zahlreichen, meist schweigenden Demonstrationen teilzunehmen und durch Berichte über die Gesamtsituation die deutsche Öffentlichkeit, vor allem jedoch EMS und EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) zum Handeln zu bewegen. Pfarrer Paul Schneiss in Japan galt als ein äußerst eifriger Mitstreiter.
Das unglaublich Beeindruckende war, dass die Familien und Frauen der Verhafteten ganz und gar nicht nur ihre eigene verzweifelte Lage und ihr Leid im Blick hatten, sondern zu unbeugsamen und furchtlosen Kämpferinnen und Kämpfern für Freiheit und Demokratie wurden, sich für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und den Frieden auf der Halbinsel einsetzten und eine Wiedervereinigung immer als langfristiges Ziel betrachteten. Die rund-um- die-Uhr-Bewachung durch den KCIA über Jahre hinweg, Verhöre, Quälereien, Handgreiflichkeiten mit den Beamten, Erniedrigungen, Ausgrenzung der Familien und ihrer Kinder, Beschimpfungen und die Kennzeichnung als Kommunisten – all das konnte die Demonstrierenden nicht davon abhalten, den Kampf ihrer Männer und Angehörigen, die jetzt mundtot gemacht waren, außerhalb der Gefängnismauern weiterzuführen. Ich muss das einfach noch einmal unterstreichen:
Neben der großen Hochachtung für die eigentlichen Akteure im Erleiden und Erstreiten einer demokratischen Grundordnung, stellte sich eine tiefe Achtung und Bewunderung für diese Frauen bei mir ein. Sie waren trotz der unglaublich schmerzhaften Erfahrungen und all der Trauer und dem Herzensleid immer auch voller Hoffnung und Zuversicht. Und sie waren unglaublich kreativ in ihren Methoden, einerseits ihre Männer zu unterstützen, aber auch darin, wie sie die Bevölkerung erreichten. Von Beginn an boykottierten sie die Gerichtsverhandlungen. Um die Unrechtmäßigkeit zum Ausdruck zu bringen, veranstalteten sie zum Beispiel schweigende Demonstrationen, beklebten den Mund mit schwarzem Klebeband und zogen rund um das Gerichtsgebäude. Bei anderen Demos sangen sie Choräle, während ihren Männern im Gerichtssaal der Prozess gemacht wurde. Sie beschrifteten lila Schirme mit der Aufschrift »Wir fordern die Wiederherstellung der Demokratie«. Oder sie beschrifteten Fächer, mit denen sie durch die Straßen zogen. Die auffällige Farbe Lila stand symbolisch für Leiden und Sieg und die Frauen trugen ihre traditionelle Tracht Hanbok in dieser Farbe.
Durch diese Ereignisse schloss sich mit der Zeit eine große Solidaritätsbewegung zusammen. Kirchliche Kreise, Privatpersonen, insbesondere Frauenorganisationen, der NCCK, Studierende und viele mehr, schlossen sich den Demonstrationen der Frauen an. Trotz schwerer Repressalien für alle Beteiligten und der ständigen Gefahr einer Verhaftung unterstützten sie die Aktionen der Frauen, halfen lilafarbene Schals zu häkeln, die in alle Welt verkauft wurden und beteten und fasteten mit den Frauen, um sie in ihren Protesten zu unterstützen.
KRAFTQUELLEN
Ich habe mich immer gefragt: Woher nehmen die Betroffenen und ihre Angehörigen die Kraft, um all dies über so lange Zeit aus- und durchzuhalten?
Die anfänglich am Donnerstagabend, später am Freitagabend abgehaltenen Fürbitten-Gottesdienste in der Young Men’s Christian Association (YMCA) und im Christian Center an der Station Jongno 5-ga, waren eine große Kraftquelle für viele Verfolgten, die unter der Diktatur litten.
Deshalb wurde die bewusst so benannte »Galiläa-Gemeinde« zu einem Ort der Zuflucht für alle Verfolgten, die im Rahmen eines Nachmittagsgottesdienstes die Gemeinschaft von Gleichgesinnten suchten, Erfahrungsberichte hören oder auch ihre eigenen Leidens- erfahrungen mit anderen teilen wollten. Es gab immer auch das Hören auf Gottes Wort. Wenn der Pfarrer oder der Prediger durch den KCIA aufgehalten wurde und nicht kommen konnte, arbeitete man gemeinsam am Verständnis des Bibeltextes. Auch hier nahm die Fürbitte für alle Leidtragenden einen großen Raum ein. Auch das gemeinsame Singen war ganz wichtig und am Schluss ging man nie auseinander ohne sich durch das Lied »We shall overcome…« Mut zugesprochen, beziehungsweise, – gesungen zu haben. Der Choral Nr. 521 im koreanischen Gesangbuch spielte ebenfalls in den Gottesdiensten der Galiläa-Gemeinde und in den Fürbitten-Gottesdiensten eine wichtige Rolle.
Die Galiläa-Gemeinde war mit ihren Gottesdiensten zu Gast bei der Hanbit-Kirche. Das hatte Pfarrer Lee Hae-Dong sehr bald nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis verfügt. Dadurch kam er sofort wieder ins Visier der KCIA. Er und seine Frau haben unendlich Schweres durchlitten. Beamte vom Geheimdienst hatten sich im Haus gegenüber der Kirche eingemietet. Jede Bewegung im Pfarrhaus und der Gemeinde wurde registriert, ständig gab es Kontrollen, jedes Wort von jeder Versammlung oder von Gottesdiensten wurde notiert. Pfarrer Lee wurde später ein zweites Mal verhaftet und beim Verhör fast zu Tode geschlagen. Aber auch Gemeindeglieder litten nicht unmerklich. In jenen Jahren entstand die Minjung-Theologie. Professor Ahn Byung-Mu war einer der Väter dieser aus der Situation des Leidens heraus entwickelten Theologie.
Er hat auch das Bildungsinstitut der PROK (Presbyterianische Kirche in der Republik Korea) nach seiner Haftentlassung mit ins Leben gerufen. Dort konnten die zahlreichen aus ihren Universitäten entlassenen Theologie-Studierenden ihre Studien, wenn auch begrenzt, fortführen und einige der Professorinnen und Professoren, die unter dem Druck der Regierung ihr Lehramt verloren hatten, fanden im Bildungsinstitut eine neue, sinnvolle und richtungsweisende Aufgabe. In Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer und das Predigerseminar Finkenwalde mit seinem Bruderhaus, wollte Professor Ahn in Zusammenarbeit mit seinen Kolleginnen und Kollegen und der PROK eine Zelle schaffen, wo junge Theologinnen und Theologen auf ihre Arbeit in den Kirchengemeinden vorbereitet wurden, mit einem wachsamen Blick auf die verhängnisvollen Entwicklungen in Staat, Politik, Gesellschaft und auch in der Kirche. Ich habe beobachtet, dass für eine ganze Reihe von koreanischen Theologinnen und Theologen die Bekennende Kirche in Deutschland während der Hitler-Diktatur von großem Interesse war und Denkanstöße gegeben hat.
SCHLUSSWORT
Die Ereignisse in Korea haben mich total umgekrempelt. Es war eine Art Neugeburt für mich. Ich bin den koreanischen Freunden unendlich dankbar. Durch ihr persönliches Zeugnis in ihrem Handeln und ihrem unerschrockenen Einstehen für Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde für alle, aber auch für Frieden und Versöhnung auf der koreanischen Halbinsel, für Freiheit und Gerechtigkeit habe ich gelernt, was es heißt, bekennender Christ, bekennende Kirche zu sein.
Ich bin überzeugt, dass diese frühen Kämpferinnen und Kämpfer – so viele wären jetzt an dieser Stelle auch namentlich zu nennen – die wichtigsten Saatkörner waren für das Aufblühen der Demokratie und die Bereitschaft zur Annäherung beider Koreas unter den Präsidenten Kim Dae-Jung und Roh Moo-Hyun.
Meine ständige Bitte zu Gott ist, dass die Saat der Demokratie nicht untergeht, sondern sich festigt und dass sich der Prozess für Frieden und Versöhnung, für Gerechtigkeit und Freiheit auf der koreanischen Halbinsel unaufhaltsam fortsetzt, sodass eines Tages das Wunder der Wiedervereinigung geschieht.

