Blutadern… verbinden, aber nicht nur in Familien. Ein Interview mit Fatin Abbas zum Erbe sexualisierter Gewalt im Sudan

Fatin Abbas ist Autorin des Romans Ghost Season: A Novel, der in den Grenzgebieten zwischen Sudan und Südsudan spielt (2023), sowie der Essaysammlung Black Time: Essays on the Invisible (2025). Ihre Kurzgeschichten sind in verschiedenen Publikationen erschienen und ihre journalistischen Beiträge und weitere Essays wurden unter anderem in The Guardian, Le Monde diplomatique, Süddeutsche Zeitung, The Nation, The Berlin Review, Zeit Online, Africa is a Country, Bidoun, African Arguments und openDemocracy veröffentlicht. (Stand: 06/2025)

Der aktuelle Krieg im Sudan begann mit der Dezemberrevolution 2018/19, als Demonstrant*innen das 30-jährige diktatorische Regime von Omar al-Baschir stürzten. Der anschließende Versuch, eine demokratische Regierung durch die zivile Bevölkerung zu bilden, wurde 2021 durch einen Militärputsch durchkreuzt. Seitdem bekämpfen sich verschiedene am Putsch beteiligte Kräfte, von denen viele einst Mitglieder des Regimes waren, gegenseitig und verursachen Gewalt und Chaos im Sudan. Milizen der Rapid Support Forces und in geringerem Maße auch die Armee wenden systematisch sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen an. Auch Männer und Jungen sind davon betroffen, doch gibt es weit weniger Informationen über ihre Viktimisierung. Das Alter der bekannten Opfer liegt zwischen einem und 75 Jahren. Um die Gräueltaten sichtbar zu machen, nutzen Überlebende u.a. das Internet, um ihre Geschichten einer häufig schweigenden globalen Öffentlichkeit zu erzählen. Wir trafen uns am 26. Juni 2025, um über Fatin Abbas' neuesten Essay, „Blood Veins“, zu sprechen. In „Blood Veins“ verfolgt sie die Wurzeln der weit verbreiteten und systematischen sexualisierten Gewalt, die im aktuellen Krieg im Sudan vor allem Frauen und Mädchen angetan wird, bis in die Kolonialgeschichte des Landes zurück. Sie taucht tief in ihre Familiengeschichte ein, um zu zeigen, wie diese Vermächtnisse sowohl persönlicher als auch politischer Natur sind. Anhand dieses historischen und persönlichen Kontexts untersucht der Essay, wie sich das Erbe sexualisierter Gewalt in der Gegenwart fortsetzt.

Jana: Wie sich das Erbe der Kolonialisierung in externe und interne soziale Beziehungen einschreibt, ist ein wiederkehrendes Thema für Gesellschaften, die einst Kolonien und Kolonialmächte waren. Dein Essay erläutert u.a. die Macht der Sprache in Bezug darauf, wie das koloniale Vermächtnis frühere und aktuelle Machtverhältnisse verschleiert. Ein Leitthema in „Blood Veins“ ist euphemistische Sprache und wie das Wiedererzählen und Erinnern uns zu neuen Interpretationen alter Narrative und vertrauter Redewendungen führen kann. Ein besonders anschauliches Beispiel für dieses Thema ist ein Gedicht, das dein Großvater über die Beziehung zwischen seinen Eltern geschrieben hat. Könntest du uns erzählen, worüber du in seinen Worten gestolpert bist?


Fatin Abbas: An dem Gedicht störte mich besonders, dass es die Versklavung und den sexuellen Übergriff auf meine Urgroßmutter als Liebesgeschichte, als Romanze umschrieb. Ich fragte mich:

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Warum hatte mein Großvater das Bedürfnis, die Vergewaltigung seiner Mutter zu verschleiern? Denn das, was zwischen meinem Urgroßvater und meiner Urgroßmutter geschehen war, war zweifellos eine Vergewaltigung: Sie war ein Kind, das von zu Hause entführt wurde, das Eigentum des Mannes, der sie zur Frau «nahm». War diese Ehe besser als eine Vergewaltigung, wenn man bedenkt, dass sie keine Wahl hatte?

Jana: Ein weiteres wichtiges Thema des Essays sind Familiengeheimnisse – der Text beginnt mit deiner Enthüllung des Familiengeheimnisses bzw. des Schweigens, das das Gedicht deines Großvaters durchdringt. Wie beeinflusst die Zugehörigkeit zu einer Familie oder einer Nation die Art und Weise, was wir über Opfer und Täter sprechen und fühlen?

Fatin Abbas: Mit 21 wurde mir ein Familiengeheimnis anvertraut: Meine Urgroßmutter mütterlicherseits war versklavt worden. Mein Urgroßvater war Sklavenhändler gewesen. Meine Mutter sagte es mir eines Nachmittags im Auto, als wir vor dem Haus meines Großvaters in Khartum parkten. Es war Mitte der 2000er. Ich erinnere mich, dass sie leise wurde, obwohl wir allein waren. Was sie sagte, war Tabu. Ich hatte diese Familiengeschichte noch nie gehört.

Jana: Die Geschichte des Sudan ist eine Geschichte der Kolonialisierung und Dekolonialisierung, aber auch des Patriarchats. Das Patriarchat schafft viele verschiedene, sichtbare und unsichtbare Opfer und Täter*, insbesondere im Rahmen der Gewalt des Kolonialismus. Männlichkeit scheint in diesen Fällen eine eigene Rolle zu spielen…

Fatin Abbas: Die systematische sexuelle Gewalt, die Frauen und Mädchen im gegenwärtigen Krieg angetan wird, muss daher auch als Reaktion auf die Dezemberrevolution verstanden werden. Da die Frauen in diesem Aufstand immense Macht und Handlungsfähigkeit beanspruchten, zielt dieser Krieg nicht nur auf die Wiederherstellung des politischen Status quo ab – die Herrschaft der Streitkräfte, seien es die Milizen oder die Armee –, sondern auch auf die Wiederherstellung des Status quo der geschlechtsspezifischen Unterdrückung. Wie Aktivist:innen festgestellt haben, wird dieser Krieg gegen den Körper der Frauen geführt, so wie sich die Sklaverei und die islamistischen Diktaturen in erster Linie gegen Frauen richteten. Der gegenwärtige Krieg ist ein Versuch, die Geschlechterhierarchie wiederherzustellen, indem er die Frauen zu machtlosen Objekten der männlichen sexuellen Dominanz macht.

[Fatin spricht während der Diskussion mit Timm, beide lächeln.]
Fatin und Timm unterhalten sich während der Diskussion.

Jana: Die Veranstaltung wurde von der AG „Trostfrauen“ organisiert. Der Begriff „Militär-Trostfrauen“ bezieht sich auf etwa 200.000 Frauen, die vom japanischen Kolonialmilitär in Formen der „sexuellen Sklaverei“ oder „Zwangsprostitution“ gezwungen wurden – ein weiterer Hinweis auf euphemistische Sprache. In Berlin beschäftigt sich die AG mit der Frage, wie man die Geschichte der sogenannten Trostfrauen weißen Europäerinnen näherbringen und sie dazu bringen kann, sich für Menschen zu engagieren, die nicht weiß sind, die Frauen sind und die Opfer und Überlebende von Gewalt sind. Die Reaktionen auf ihre Arbeit sind sehr unterschiedlich. Man kann eine „Das ist nicht unser Problem”-Haltung beobachten, Mitleid, eine schützende Haltung gegenüber den Tätern, aber auch echte Solidarität und Interesse. Es handelt sich um einen vielschichtigen Prozess des Austauschs mit der weißen Mainstream-Öffentlichkeit, aber auch innerhalb der migrierten und rassifizierten Communities. Fatin, du bist Journalistin, Dozentin und Autorin: Wie sah dein Forschungsprozess für diesen Essay aus? Auf welche Hindernisse bist du gestoßen? Was hat dir in diesem Prozess geholfen, um am Ball zu bleiben?

Fatin Abbas: Der Forschungsprozess erstreckte sich über viele Jahre und begann 2017, als ich im Rahmen eines Stipendiums der Miles Morland Foundation nach Khartum im Sudan reiste, um Interviews mit meiner Familie zu führen und mehr über die Geschichte meiner Urgroßmutter und die Geschichte meiner Familie zu erfahren. Dann legte ich diese Forschung jedoch beiseite und konzentrierte mich darauf, meinen ersten Roman, „Ghost Season“, fertigzustellen. Als Mitte April 2023 der derzeitige Krieg ausbrach, kehrte ich zu meiner Familiengeschichte zurück. Das liegt vor allem daran, dass sexuelle Gewalt von Anfang an ein markantes Merkmal dieses aktuellen Krieges war und ich die Intuition hatte, dass die sexuelle Gewalt in diesem Krieg (und in früheren Kriegen und Völkermorden, wie beispielsweise in Darfur) sehr eng mit der Geschichte des Kolonialismus und des transsaharischen Sklavenhandels im Sudan verbunden ist, einer Geschichte, die sich in meinem eigenen Familienerbe widerspiegelt. Neben Interviews mit meiner Familie habe ich für diesen Aufsatz auch die Kolonialgeschichte des Sudan unter türkisch-ägyptischer und später britischer Kolonialherrschaft genauer untersucht, insbesondere im Zusammenhang mit dem transsaharischen Sklavenhandel, und versucht zu entschlüsseln, inwiefern sexuelle Gewalt ein systematischer Aspekt der Versklavung von Frauen im Sudan war. Ich war der Meinung, dass dieser historische Kontext in den Diskussionen über die sexuelle Gewalt in diesem aktuellen Krieg fehlte. Die Recherche verlief daher auf drei Ebenen: der persönlichen Familiengeschichte, dem historischen Kontext und der gegenwärtigen Gewalt im Krieg. Ich habe versucht zu zeigen, wie diese Fäden miteinander verbunden sind.

Jana: Und wie gehst du mit deinen eigenen Emotionen um, die in diesem Prozess und beim Sich-Öffnen gegenüber der Öffentlichkeit aufkommen?

Fatin Abbas: Es ist natürlich nicht so einfach, öffentlich über schwierige Familienverhältnisse zu schreiben. Im Angesicht dessen, was meine Urgroßmutter durchgemacht hat, ist es schwierig das Ausmaß des Traumas und des Verlustes zu begreifen, die sie erlitten hat. Es ist fast unerträglich, und doch gibt es Frauen und Mädchen, die bis heute Gewalt in diesem Ausmaß erleiden, zum Beispiel im aktuellen Krieg. Obwohl es schwierig ist, mich damit auseinanderzusetzen und über meine eigene Familie zu schreiben, halte ich es für notwendig, die Menschen über diese Geschichte und diese Vergangenheit zu informieren, auch um das Schweigen zu brechen, das über familiäre Gewalt und insbesondere über das Erbe sexueller Gewalt verhängt wird. Ich bin sehr berührt und inspiriert von den vielen sudanesischen Frauen, die ihre eigenen Geschichten über Gewalt öffentlich teilen. Das ist außerordentlich mutig und schwierig. Aber es inspiriert mich, meine eigene Familiengeschichte beizusteuern.

Jana: Der Eindruck ist, dass persönliche Erzählungen ein wirkungsvolles Mittel sind, um eine emotionale Verbindung zu Menschen herzustellen, z. B. zu Studierenden, der eigenen Familie und auch fremden Mitmenschen. Das ist die Erfahrung des Korea Verbands und der AG „Trostfrauen“. Die Wirkung der einzelnen Geschichten ist enorm, auch wenn sie sich miteinander vermischen. Kannst du uns etwas über deine Erfahrungen beim Unterrichten und Schreiben über solche Themen erzählen?

Fatin Abbas: Persönliche Erzählungen sind sehr wichtig, weil sie auf konstruktive Weise einen Raum für Verletzlichkeit und emotionale Nähe schaffen. Insbesondere sexuelle Gewalt hat die Verletzung intimer Erfahrung und Vulnerabilitäten zum Ziel. Und ich denke, dass persönliche Erzählungen bis zu einem gewissen Grad eine alternative Erfahrung von Verletzlichkeit und Intimität bieten können, die dazu dient, Verbindungen herzustellen, zu heilen und Zeugnis abzulegen. Ich denke auch, dass es eine Sache ist, über Statistiken von Gewalt zu erfahren – das sind anonymisierte Zahlen –, und eine ganz andere, jemandem zuzuhören, der seineihre Geschichte erzählt. Narrative sind sinnstiftende Konstrukte, und durch den Prozess des persönlichen Erzählens können so viele Dinge vermittelt werden, was in bloßen Statistiken oder anonymisierten Berichten über Gewalt verloren geht. Persönliches Erzählen humanisiert die Opfer; es ermöglicht uns, sie als Individuen zu sehen. Es befähigt auch dendie Leserin oder Zuhörer*in, die eigene Geschichte zu erzählen.

[Fatin während der Lesung; Jana und Timm sehen sie an.]
Jana und Timm schauen Fatin während der Lesung zu. Copyright: Miji Ih, 2025

Jana: Apropos Empowerment: Warum ist es deiner Ansicht nach ein wertvolles Unterfangen, wenn man mit Menschen in Kontakt tritt, die Geschichten über andere Fälle und Formen von Kolonialisierung und Gewalt gegen Frauen* zu erzählen haben?

Fatin Abbas: Es ist wichtig, verschiedene Erfahrungen, Geschichten und Erzählungen aus unterschiedlichen Teilen der Welt miteinander zu verbinden, denn auf diese Weise können wir voneinander lernen und Parallelen und Kontraste in der Geschichte der Kolonialisierung aufzeigen. Der Sudan und Korea haben sehr unterschiedliche Geschichten und spiegeln unterschiedliche Kontexte wider, und doch gibt es Gemeinsamkeiten in der Art und Weise, wie sich die Gewalt der Kolonialisierung in beiden Fällen in extremer sexueller Brutalität gegenüber Frauen* manifestiert. Das Zusammenführen unterschiedlicher Geschichten ist auch wichtig, um ein gemeinsames Gefühl der Solidarität aufzubauen, das geografische oder regionale Grenzen überwindet. Es ermöglicht uns, Kämpfe aus verschiedenen Teilen der Welt miteinander zu verbinden, um diese Gewalt und ihre Folgen, sei es beispielsweise in Ostafrika oder Ostasien, wirksamer anzugehen und zu bekämpfen.

Jana: Wenn du rauszoomst und auf die letzten Jahre zurückblickst, wie beurteilst du den allgemeinen Zustand der Diskussion über Migration, Rassismus und sexualisierte Gewalt in der Öffentlichkeit?

Fatin Abbas: Es ist sehr deprimierend. Wenn ich soziale Medien öffne – insbesondere Plattformen wie X, ehemals Twitter – und den Strom von Inhalten sehe, die von Millionen von Menschen konsumiert werden und Geflüchtete, Einwanderinnen und andere marginalisierte Gruppen entmenschlichen, habe ich Angst vor der Zukunft. Soziale Medien – die weitgehend von einer Handvoll Tech-Oligarchen kontrolliert werden, von denen viele right-wing sind – haben die Entmenschlichung marginalisierter Gruppen auf sehr effektive und gefährliche Weise ermöglicht. Das hat politische Konsequenzen; es hat Konsequenzen in Form von zunehmender Gewalt gegen marginalisierte Gruppen. All dies trägt zum weltweiten Aufstieg der extremen Rechten bei, und wir sehen, wie sich das in den USA entwickelt, aber auch Europa geht in diese Richtung. Was sexualisierte Gewalt angeht, denke ich, dass es im Zusammenhang mit dieser allgemeinen Entmenschlichung von Gruppen auch einen Trend gibt, Gewalt gegen Frauen zu normalisieren und sogar zu feiern. Ich denke dabei wieder an die sozialen Medien und die Kultur der „Manosphere“ und populäre „männliche“ Influencer, die Gewalt gegen Frauen* verherrlichen. Gleichzeitig wird der Realität, dass Frauen weltweit sexueller Gewalt ausgesetzt sind, bei weitem nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt.

[Fatin nach der Lesung im Gespräch mit einem weiblichen Gast.]
Fatin nach der Lesung im Gespräch mit einem weiblichen Gast. Copyright: Miji Ih, 2025

Jana: Wenn du heute mit deiner Urgroßmutter und früheren Generationen sprechen könntest, was würdest du sie über ihre Erfahrungen fragen?

Fatin Abbas: Ich würde sie fragen, wie sie die schwierigen und in einigen Fällen gewalttätigen Umstände ihres Lebens überstanden haben. Welche Werkzeuge der Resilienz, des Widerstands und des Überlebens könnten sie wohl weitergeben? Ich bin dank ihnen hier, und ich möchte wissen, wie ich in ihre Fußstapfen treten kann, indem ich die Lektionen, die sie mir vermitteln, weitergebe.

Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung unseres Gesprächs vom 26. Juni 2025. Die Lesung wurde von der AG „Trostfrauen” organisiert und fand in der Kulturfabrik Moabit statt. Fatin und Timm Young Shik Therre diskutierten über das Schreiben und Lehren der Schnittstellen zwischen sexualisierter Gewalt und Kolonialismus sowie über das heilende Potenzial dieser Praxis. Die kursiv dargestellten Passagen im Interviewtext sind Exzerpte aus dem Essay „Blood Veins”, veröffentlicht in Berlin Review (siehe Essay [https://blnreview.de/ausgaben/2025-04/blutadern-fatin-abbas-sudan-krieg-sexuelle-gewalt
Wir danken der Kulturfabrik Moabit für ihre freundliche Unterstützung, Miji Ih für die wunderbaren Fotos und den Gästen, die es trotz des Sturms an diesem Tag zu uns geschafft haben.