Lee Na-Young ist Professorin am Fachbereich für Sozialwissenschaften an der Chung-Ang Universität in Seoul, Sie forscht zu Theorie und Praxis von Sexsklaverei, darunter auch zu den sogenannten »Trostfrauen« des japanischen Militärs während des Zweiten Weltkrieges. Den Begriff »Trostfrauen« erweitert sie um den Aspekt staatlich organisierter Bordelle für US-Soldaten nach dem Koreakrieg. Zudem forscht sie zu Prostitution, Frauenbewegungen und Themen rund um Sexualität. Derzeit ist sie Vorsitzende des Korean Council for Justice and Remembrance for the Issues of Military Sexual Slavery by Japan. (Stand 2021)
Dieser Artikel ist erstmals 2021 in der Printausgabe vom Korea Forum 28 erschienen.
1. Misogynie, Genderdiskriminierung und Feminismus: Über den
Mordfall in der Nähe des U-Bahnhofs Gangnam, Ausgang 10
Am 17. Mai 2016 wurde eine junge Frau nachts von einem Mann mit einem Messer brutal ermordet. Der Mann hatte in einer öffentlichen Toilette in der Nähe des U-Bahnhofs Gangnam in Seoul auf eine weibliche Person gewartet und ließ sechs Männer passieren, bevor die junge Frau die Toilette betrat. Der Mann, der an Schizophrenie leidet, gab als Tatmotiv an, dass »Frauen regelmäßig auf ihn herabgeschaut« hätten. Daraufhin verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land eine Trauer- und Gedenkbewegung. Bemerkenswert ist, dass die Tat, die von der Polizei als Mord durch einen Schizophrenen abgetan wurde, von einem ziemlich großen Teil der Bevölkerung als ein Mord aufgrund von Frauenhass bezeichnet wird.
2. Der Diskurs um den Mordfall »U-Bahnhof Gangnam, Ausgang 10«
Bereits kurz nach der Tat kursierten in den sozialen Medien Posts, die den Ausgang 10 des U-Bahnhofs Gangnam zeigten, ein spektakulärer Anblick: An der Wand hingen zahlreiche Post-its, auf dem Boden davor lagen Plüschtiere und Gedenkartikel. Während auf der Straße getrauert wurde, trugen Frauen nacheinander in einer Dauerrede ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt vor und die Straßen waren voller Menschen, die ihnen zuhörten und mitfühlten.
»Sie war nicht zur falschen Zeit am falschen Ort. Ihr einziger Fehler war es, als Frau in Südkorea geboren zu werden. Beendet den Femizid!«
»Stop Misogyny.«
»Auch heute habe ich nur mit Glück überleben können.«
Von einem Teil der männlichen Bevölkerung jedoch wurde dieser Mord als eine Einzeltat, die durch einen Schizophrenen verübt wurde, abgetan und den Frauen, die sich gegen Frauenhass aussprachen, mit Kritik und Angriffen wie »Macht uns nicht zu potentiellen Tätern« geantwortet. Zudem berichteten die meisten Medien über diesen Fall sehr undifferenziert entweder als die vereinzelte, spontane Tat eines Schizophrenen – so auch die offizielle Darstellung von Polizei und Regierung – oder als ein Mord aus Frauenhass.
Und damit nicht genug: Auch die Trauerbekundungen wurden als »Konflikt zwischen Mann und Frau« oder »Krieg der Geschlechter« bezeichnet. Polizei und Regierung führten infolgedessen dreimonatige besondere Sicherheitsmaßnahmen zur Abwehr von Verbrechen gegen Frauen ein, außerdem geschlechtergetrennte Toiletten, Sicherheitsalarmsysteme, Videoüberwachung, eine Einteilung und Verwaltung von psychisch kranken und alkoholabhängigen Menschen mit hohem Kriminalitätsrisiko, Maßregelvollzug in der Psychiatrie und Bestrafung von Gewaltverbrechern und Sicherungsverwahrung.
Diese Maßnahmen, die sich auf die räumliche Trennung der Geschlechter und Selbstdisziplin konzentrieren, gehen von einem zufälligen Unglück aus, das nicht vorhersehbar und aufgrund der Schwäche und Hilflosigkeit von Frauen nicht abwendbar ist, und verstärken dadurch auch das Angst- und Abhängigkeitsgefühl. Die Betonung von Maßnahmen wie Wegsperren, Kontrolle, Überprüfung, Bestrafung oder auch Entfernen aus dem öffentlichen Raum von »Gefahrpersonen«, sind nicht nur Menschenrechtsverletzungen und Doppelbestrafungen des Täters, sondern vermitteln zudem die Illusion, dass durch gesellschaftliches Isolieren oder Wegsperren bestimmter Verbrecher (oder Verbrechensarten) die Gewalt gegen Frauen ein Ende nehmen würde. Der vermeintliche Frieden wird durch einen starken Polizeistaat aufrechterhalten. Das übersieht aber die Realität der Gewalt gegen Frauen, die in vielen alltäglichen Settings auftritt, und unterbindet Fragen zur ungleichen Geschlechterbeziehung und zum diskriminierenden System. Was auch immer die Absichten sein mögen, Polizei und Staat stellen die standardisierten Genderrollen und -ideologien nicht nur wieder her, sondern verstärken auch den Stempel, den Menschen durch die gesellschaftliche Isolierung bereits aufgedrückt bekommen – und dadurch die Diskriminierung. Ist das nicht gerade das Ergebnis einer männerzentrierten Perspektive, die sich nicht bewusst ist, was Geschlechterdiskriminierung ist?
3. Soziale Geschlechterdiskriminierung, Frauenhass und Femizid
Ich sehe diesen Fall als einen Femizid (Mord mit frauenfeindlichem Motiv), als eine Erscheinung, die im Zuge des Frauenhasses, welcher in der geschlechterdiskriminierenden Gesellschaft seit langem eine bewusste oder unbewusste kulturelle Gewohnheit geworden ist, aufgetreten ist. Es gibt zwei Belege dafür: Die Wörter »Frau« und »herabschauen«, die der Täter nutzte, sowie die Tatsache, dass Frauen, die in einer ähnlichen Situation waren wie das Opfer, diese Tat als »Frauenhass« bezeichneten. Betrachten wir nun die Definitionen von Frauenhass, genderbasierter Gewalt und Femizid.
3-1. Die dynamische Konstellation von Genderhierarchie und Hass
In der feministischen Theorie wird der Frauenhass allgemein als »Misogynie« bezeichnet. Wenn »Misogynie« wörtlich »Frauen hassen« bedeutet, wäre dann das Gegenteil »Philogynie« (»Frauen lieben«)? Im Feminismus wird Misogynie definiert als tief verwurzelte Vorurteile gegen Frauen und als Rolle in der sexistischen Gesellschaft, in der man als Frau stigmatisiert und als dem Mann unterlegenes Wesen angesehen wird. Der Misogynie liegen zwei wichtige Faktoren zugrunde. Erstens der Glaube, dass die Frau grundsätzlich in Aspekten wie Wert oder Würde dem Mann unterlegen sei, und zweitens der Glaube an die Zerstörungskraft der weiblichen Sexualität. Dadurch werden zunächst Verdrängung, Unterdrückung und Kontrolle über die Frau und auch die Kategorisierung von Frauen gerechtfertigt. Das heißt, dass die Misogynie einerseits Frauen verherrlicht und erhöht, aber andererseits geringschätzt und erniedrigt und in allen Fällen nicht menschlich behandelt. Misogynie ist eine Sichtweise auf das »Sein« des Menschen, während Sexismus mehr auf konkrete Handlungen und Aussagen bezogen ist. Bei geschlechterdiskriminierenden Handlungen tritt oft zuerst die Misogynie zutage.1
Feminist*innen weisen darauf hin, dass in sozialen Systemen wie Religion, dem Bildungssystem, in Regierungsinstitutionen und im Rechts- und Medizinbereich eine patriarchale Hierarchie besteht, die Frauen verdrängt und dämonisiert. Sie forschen zur männerzentrierten geschlechterdiskriminierenden Gesellschaft sowie zu verschiedenen Ausprägungen des Frauenhasses.2 Beispielsweise bezeichnet die feministische US-amerikanische Psychoanalvtikerin Nancy J. Chodorow männliche Gewalt gegen Frauen als »maskuline Gewalt«, also Gewaltanwendung, um die eigene Männlichkeit zu beweisen. Männer, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen an einen Mann entsprechen, insbesondere diejenigen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen und nicht in Machtpositionen vertreten sind, haben Angst vor einer »Feminisierung« und davor, dass sie auf einer Stufe mit der »schwachen« Frau zurückbleiben könnten und versuchen durch die physische Ausübung von überschwänglicher Männlichkeit, ihr »Mannsein« anerkannt zu bekommen.3
Die heftigen Reaktionen, die ein Teil der Männer nach dem Mord von Gangnam zeigten, können als Symptome einer geschlechterdiskriminierenden Gesellschaft angesehen werden. Dieses Verhalten ist eine Strategie, um die männliche Machthegemonie zu verteidigen und zu erhalten. In einer männerdominierten Gesellschaft können sie nur überleben, wenn ihre überlegene Stellung als Mann anerkannt wird. Die »Männerfreundschaft« (male bonding), die sie erwarten, ist nur Schein. Das Bedauerliche ist, dass sie nicht sehen, dass es die grundlegende gesellschaftliche Ungleichheit ist, die sie in diese »benachteiligte Situation« gebracht hat. Und dass dieses Unwissen die Schichten der hierarchischen Gesellschaft eher verhärtet. Letztlich ist das, was sie sich sichern wollen, die hegemoniale Männlichkeit oder die oberste Schicht innerhalb des hierarchischen Machtgefüges, was sie selbst nie erreichen werden (und vielleicht sogar eine Illusion oder Größenwahn).
Misogynie ist etwas, was sich in einer »Phallokratie« jede*r auf natürliche Weise als Gewohnheit und Kultur aneignet und sich (un-)willentlich bildet. Es werden Regelungen je nach Geschlecht anders betont, oder die geschlechtergetrennte Arbeitsaufteilung wird für selbstverständlich erachtet, so dass sichtbare und unsichtbare Verhaltensweisen und die weitreichenden Ausprägungen von Frauenhass in Form von Verspottung, Verachtung, Demütigung, Entmenschlichung, Sexualisierung, Verdrängung, Bedrohung, gläserner Decke, Pornografie, Beziehungsgewalt, häusliche Gewalt, Misshandlung, geschlechtsselektiver Abtreibung, Prostitution und Menschenhandel bis hin zu Genozid auftreten.4 Bei Gewohnheiten oder Kultur ist vielleicht nicht nach dem Motiv oder dem Zweck zu fragen, aber manchmal ist es auch eine willentliche Tat, um die relative Überlegenheit einer Person oder einer Gruppe zu zeigen.
Opfer von Hassverbrechen sind in schwächeren Positionen und fühlen sich verängstigt und unwohl, werden wütend oder unsicher, und können verletzt oder sogar getötet werden. Für Stärkere aber sind diese Emotionen schwer nachzuvollziehen. Diese Hasskultur kommt nur an die Oberfläche, wenn der Schwächere Widerstand leistet, und wird dann erst zum Diskussionsthema. Wäre beispielsweise in der weißzentrierten Gesellschaft in den USA ein allgemeines Bewusstsein für die Diskriminierung von Schwarzen denkbar gewesen, wenn es die Bürgerbewegung der afroamerikanischen Bevölkerung nicht gegeben hätte? Wäre die Realität der Diskriminierung von sexuellen Minderheiten überhaupt in unser Bewusstsein gekommen, wenn es keine Queer-Paraden gegeben hätte, um die gesellschaftliche Unterdrückung aufzuzeigen? Bis zum Widerstand der Schwachen wird der relativ Starke nicht wahrnehmen, dass die Schwachen durch sie unterdrückt werden oder institutionell benachteiligt werden. Privilegien sind wie die Luft, die man für selbstverständlich hält.
3-2. Geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide
Unter geschlechtsspezifischer Gewalt ist grundsätzlich Gewalt in verschiedenen Formen zu verstehen, die sich auf Frauen konzentriert. Es handelt sich dabei nicht um private oder außergewöhnlich gelagerte Fälle, sondern bezeichnet ein Problem von enormen politischen und gesellschaftlichen Ausmaß.5 Mittlerweile bezieht sich dieser Begriff, über die Gewalt an biologischen Frauen hinaus, auch auf männliche Gewalt zur Erhaltung der Männlichkeit und Macht in der Geschlechterhierarchie.6 Femizide7 sind extreme Ausprägungen von geschlechterspezifischer Gewalt innerhalb des misogynistischen Spektrums. Bislang wurde dieser Begriff in der männerdominierten Wissenschaft tabuisiert und zum größten Teil durch geschlechtsneutrale Bezeichnungen ersetzt. Eine solche Tendenz zeigt sich auch in den Merkmalen von Frauenmorden (eine Realität, die Männer nicht/schwer akzeptieren können) und in der Tatsache, dass die männlich-dominierte Herrschaftsstruktur die Benennung dieser Gewalt und den Widerstand von vielen Seiten zum Schweigen bringen will.8
Aus einer anderen Perspektive ist es vielleicht selbstverständlich, dass der Mordfall in der Nähe des U-Bahnhofs Gangnam als Femizid bezeichnet wird. Der Täter ist ein Mann, der sich von Frauen missachtet gefühlt hatte, und so musste das Opfer, auf das er in der Toilette wartete, eine Frau sein. Da der Täter aussagte, dass Frauen regelmäßig auf ihn »herabgeschaut« hätten, ist dieses »Herabschauen« nicht nur ein einfacher Begriff, sondern die Bezeichnung für die gesellschaftliche Stellung, die er innezuhaben glaubte.. Das Gefühl, missachtet zu werden, das damit zusammenhängende Gefühl der Demütigung sowie die verbalisierte Reaktion zeigen eine Haltung, die eine Person, die sich überlegen oder zumindest ebenbürtig fühlt, an den Tag legen würde. Der Täter, der an Schizophrenie litt, wurde vielleicht noch viel häufiger von Männern missachtet. Vielleicht sogar beleidigt und gedemütigt. Er hat sich dennoch nicht an die Regierung oder das Parlament gewandt, sondern in einer öffentlichen Toilette darauf gewartet, dass eine Frau diese betritt, um sie zu ermorden.
4. Die Bedeutung des U-Bahnhofs Gangnam, Ausgang 10
In der südkoreanischen Gesellschaft hat Misogynie eine lange Tradition. Die kurze Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde durch die Teilung Koreas, den Koreakrieg und die Militärdiktatur unterbrochen und lebte erst in den 1980er Jahren im Zuge der Demokratiebewegung wieder auf. Sie setzte sich für die institutionelle und rechtliche Gleichberechtigung und gegen kulturelle und gesellschaftliche Normen ein, die zur Geschlechterdiskriminierung führten. Zudem wurden in einer von Teilung und Diktatur geprägten Situation der sozialistische Klassenkampf und der Sturz des Patriarchalismus gleichzeitig angegangen und dabei festgestellt, dass Gender nicht getrennt von Sexualität, Klasse und Nationalität betrachtet werden kann. Der Feminismus, der die Radikalität und Triebkraft der Demokratisierung weiterführt, hat in den letzten 30 Jahren zahlreiche rechtliche und institutionelle Ziele erreicht und gab den Erfahrungen der Frauen eine Stimme.
Aber warum wurde trotz dieser historischen Entwicklung erst im Jahr 2016 die Objektivierung von Frauen Gegenstand von einem gesellschaftlichen Diskurs? Dass die Debatte um Hass zumeist in den sozialen Medien stattfand, ist darauf zurückzuführen, dass die Digital Natives sie angeführt haben.9 Digital Natives ist eine Bezeichnung für die Generation, die das digitale Zeitalter endgültig eingeläutet hat, »Kinder von Eltern, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden, also die zwischen 1977 und 1997 geborene Generation«.10 Ihre Elterngeneration hatte in den 1970er und 1980er Jahren die Demokratisierungsbewegung vorangetrieben. Die Digital Natives sind somit in einem familiären Umfeld aufgewachsen, das unter anderem durch die progressive Frauenbewegung geprägt war, und haben bis ins Erwachsenenalter vergleichsweise wenig Geschlechterdiskriminierung erfahren. Frauen haben in der geschlechterhierarchischen Gesellschaftsnorm mit der Zeit die unsichtbaren alltäglichen Geschlechterdiskriminierungen durch das Internet entdeckt und das Bewusstsein mithilfe der sozialen Medien erweitert. Durch das Teilen von persönlichen Erfahrungen konnten sie Solidarität und Verständnis gewinnen und so ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. Diese digitalen Akteur*innen haben die Grenzen zwischen privat und öffentlich sowie online und offline aufgelöst und sind bereit, einen neuen öffentlichen Raum zu schaffen.
Darüber hinaus gibt es drei weitere Gründe. warum der Mord in der Nähe des U-Bahnhofs Gangnam, Ausgang 10 eine besondere Rolle in der aktuellen feministischen Bewegung spielt. Der erste Grund ist die Besonderheit des Tatorts. Für die meisten jungen Frauen ist es ein Ort, an dem sie sich Tag für Tag aufhalten. Die Straßen Gangnams – entlang der etwa acht Kilometer langen Hauptverkehrsstraße – sind ein Vergnügungsbezirk voller Konsum-Oasen. Große Menschenmengen passieren diese Straßen Tag und Nacht, das Viertel gilt auch nachts als sehr sicher. Deswegen zeigt der Tod einer jungen Frau an diesem belebten Ort, dass alle Räume der Stadt nach wie vor gegendert sind und dass die Sicherheit der Bürger*innen je nach Geschlecht variiert. Nach dem Mord besetzten Frauen den Ausgang 10 des U-Bahnhofs Gangnam, um Gedenkveranstaltungen durchzuführen und die nächtliche Stadt wieder zurückzuerobern. Damit wollten sie zeigen, dass ein alltäglicher Ort innerhalb der Stadt für Frauen ein Raum der Gefahr und Unsicherheit sein kann, und sich dagegen wehren, dass der öffentliche Raum bisher von Männern monopolisiert wurde.
Zweitens hat dieser Fall die Unruhe, die viele Frauen unterbewusst verspürten, ans Tageslicht geholt und ihnen verdeutlicht, dass die verborgene Angst auf tatsächlicher Gefahr basiert. Und dies zeigt, dass dies keinesfalls nur eine persönliche, sondern eine politische Frage ist.
»Du fühlst dich beleidigt, weil du als potenzieller Täter angesehen wirst, aber ich habe mein ganzes Leben als potenzielles Opfer gelebt. Weil ich eine Frau bin, musste ich immer vorsichtig sein. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich vor Angst zittern muss, weil ich eine Frau bin.«
»Mir ist gestern bewusst geworden, dass ich mit 13 Jahren fast entführt wurde, mit 16 Jahren fast vergewaltigt und mit 20 Jahren tatsächlich vergewaltigt wurde. Meinen Freundinnen geht es ähnlich. Das Südkorea der Männer scheint mir ein anderes Land zu sein als das Südkorea der Frauen. Willentliches Ignorieren ist genauso eine Zustimmung. Der südkoreanische Mann muss der Realität in die Augen sehen. Das Südkorea, das ihr kennt, ist nur ein halbes Südkorea.«11
»Ich habe nur zufällig überlebt« bedeutet: Auch ich hätte Opfer sein können. »Ich war auch ein Opfer« ist gleichzeitig ein Bekenntnis wie öffentliches Teilen der eigenen Erfahrung. Viele Frauen trauerten um den Tod einer Frau und hinterfragten dadurch gleichzeitig ihr eigenes Überleben. Somit wurde der Ausgang 10 am U-Bahnhof Gangnam sowohl zu einem Symbol der Trauer um die namenlosen Frauen, die in der Vergangenheit ihr Leben verloren hatten, als auch für unseren eigenen Tod, der in Zukunft vielleicht auf uns zukommen wird. Sie brachten den Tod wieder auf die Agenda und diskutierten darüber, wie sie ihr politisches Leben neu ordnen können.
Drittens sind diese Bewegungen im Zusammenhang mit neuen subalternen Akteur*innen zu sehen. Frauen, die Opfer von gewalttätigem Frauenhass sowie des Diskurses der Gegendiskriminierung – eine Leugnung von institutioneller Diskriminierung – sind, haben am Ausgang 10 des U-Bahnhofs Gangnam eine Dauerrede organisiert und wollen ihr Leben politisch neu organisieren. Dadurch wurde der öffentliche Raum des U-Bahnhofs Gangnam, Ausgang 10 zum Symbol einer »subalternen Gegenöffentlichkeit« (subaltern counterpublics). Die subalterne Gegenöffentlichkeit ist ein öffentlicher Raum, der durch den Widerstand einer subalternen Gruppe die ursprünglich durch die Mainstream-Gesellschaft geprägte Bedeutung nach ihren Vorstellungen einnimmt.12 In dieser Hinsicht ist der öffentliche Raum vor allem für subalterne Akteur*innen ein strategisch wichtiger Punkt. Der öffentliche Raum ist es, der die Öffentlichkeit in seiner Diversität am deutlichsten repräsentiert, und er gilt auch als symbolträchtiger Raum, um das Verständnis von Öffentlichkeit herauszufordern.13 Für viele ist es unbequem. an diesem Ort des Widerstandes zu erfahren, dass geschlechtsspezifische Gewalt und Frauenmorde keine Ausnahmen, sondern ein sehr weit verbreitetes Phänomen sind, und dass diese viel zu selbstverständlich als Regel angenommen wurden.
5. Von sozialer Gerechtigkeit zur feministischen Bewegung
Feminismus ist eine Erkenntnislehre, Theorie und Bewegung, die dem geschlechterdiskriminierenden Gefüge entgegenwirken und diese reformieren möchte. Der Femizid in Gangnam ist als Symptom eines langewährenden Frauenhasses und zugleich als Stärkung des Feminismus zu verstehen, denn Symptome sind zu untersuchen und richtig zu behandeln. Durch eine falsche Diagnose können weitere Krankheiten entstehen, die bis zum Tod führen können. Man sollte nicht einfach nur die momentanen, extremen Emotionen sehen, sondern den Frauenhass als Institutionalisierung der sozialen Ungleichheit erkennen und behandeln, die durch die symbolische, materielle und überlegene Stellung des Mannes in der geschlechterdiskriminierenden Gesellschaft formiert ist.
Feminist*innen machten den Ausgang 10 zu einem öffentlichen Ort des Widerstandes, um aufzuzeigen, dass Frauenhass im Alltag durch Vorurteile, Entmenschlichung, (sexuelle) Objektifizierung bis zu Beleidigung, Verachtung, Verdrängung, institutionelle Diskriminierung, extreme Gewalt, Vergewaltigung und Tötung vorkommt. Desweiteren muss eine Bewegung derjenigen, die das Problem der Diskriminierung gleichermaßen erfahren und öffentlich darüber gesprochen haben, als Gerechtigkeitsprojekt von Feminist* innen gesehen werden. Wir leben in einer Gesellschaft, in der für manche das Leben unmöglich ist, in einer Gesellschaft, in der für einige nicht das Mindeste an menschlicher Würde gegeben ist, in einer Gesellschaft, in der die Sicherheit ungleich verteilt ist, in einer Gesellschaft, in der sogar die Trauer um eine andere Person schwierig ist. In einer solchen Gesellschaft fordern sie ein allgemeines Verständnis, die Kultur der Koexistenz und eine umfassende Veränderung der Gesellschaftsstrukturen, auch wenn es etwas länger dauern sollte.
Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung des wissenschaftlichen Aufsatzes Misogyny, Gender Discrimination and Feminism: A Feminist Project of Social Justice surrounding the Gangnam Station 10th Exit (2016) von Prof. Dr. Lee Na- Young durch Choo Young-Rong und Lee Aram.
Fußnoten

