Imagefaktoren nordkoreanischer Städte

Stand 2016: Rainer Dormels ist Professor für Koreanologie an der Universität Wien und Präsident des European Branch der International Society of Korean Studies (ISKS). Er ist Autor zahlreicher koreabezogener Monographien und Artikel
Dieser Artikel ist erstmals 2016 in der Printausgabe vom Koreaforum 25 erschienen.

Wie wir über nordkoreanische Städte denken

Es ist weitgehend bekannt, dass Feldforschungen über nordkoreanische Städte vor Ort praktisch unmöglich sind und die Auswertung nordkoreanischer Quellen äußerster Vorsicht bedarf. Trotzdem machen sich diejenigen, die sich mit nordkoreanischen Städten beschäftigen, ein Bild von ihnen, sei es bewusst oder unbewusst. Mit jeder Stadt verbinden sich objektive und subjektive Vorstellungen, Ideen, Einstellungen, Gefühle, Erfahrungen und Kenntnisse. Die Kombination dieser Aspekte wird von Johannsen als Image bezeichnet1. Dieses Image kann eine Person von dem Bezugsobjekt haben, es kann aber auch von einer Personengruppe geteilt werden. 

Ein Image ist durchaus subjektiv, aber es bezieht sich auf ein objektiv erfassbares Bezugsobjekt. Gerade im Hinblick auf nordkoreanische Städte wird freilich das Image bei Nordkoreanern anders sein als bei Südkoreanern und wiederum anders sein bei Nicht-Koreanern, soweit sich letztere Gruppen überhaupt in irgendeiner Form mit nordkoreanischen Städten beschäftigt haben. 

Die Bildung eines Images einer Stadt hängt von verschiedenen Faktoren ab. Auch wenn die Auswahl dieser Faktoren subjektiv ist, so haben sie einen objektiv nachprüfbaren Hintergrund. Stadtimagefaktoren, die hier zu beachten sind, wären historisch, natur-, funktions- und sozialräumlich. 

HISTORISCHE FAKTOREN 

Mit dem nordkoreanischen Städtesystem ist vor allem die japanische Kolonialzeit in Korea verbunden, die dazu geführt hat, dass sich zahlreiche Städte Nordkoreas an den Küsten befinden. Andererseits sind nach der Gründung der DVR Korea neue Städte entstanden, wobei bewusst Binnenstandorte gefördert wurden. Freilich gab es auch vor der Einflussnahme der Japaner auf das koreanische Städtesystem bereits administrative Zentren auch im Norden der Halbinsel. 

Pyongyang hat das Image als eine der ältesten Städte Koreas. Zahlreich ist die Literatur zur Geschichte der Stadt, die 427 Hauptstadt der Goguryeo-Dynastie (37 v.Chr. – 668) wurde. Pyongyang ist das unumstrittene historische Zentrum der Nordhälfte Koreas. Ein administratives Zentrum im Nordosten des Landes ist und war Hamhung. Hamhung gilt als »the hometown of the Joseon royal family«. I Seong-Gye (1335-1408), der als König Taejo (r. 1392–1398) die Joseon-Dynastie (1392-1910) gründete, hatte seine Jugend hier verbracht und war, nachdem er sein Amt an seinen zweiten Sohn verloren hatte, hierhin zurückgekehrt. Kaeseong wurde 919 Hauptstadt Goryeos und wird aufgrund zahlreicher Abhandlungen darüber als eine »Stadt der Geomantie« bezeichnet. Auch Haeju ist eine Stadt, die bereits seit langer Zeit wichtige administrative Funktionen innehatte. Als Korea im Jahre 983 in 12 »mok« eingeteilt wurde, war Haeju-mok eines von ihnen. Andere Städte hatten keine so starke administrative Funktion wie die oben genannten, aber da die Landesgrenze Koreas zeitweise südlich der heutigen Grenze lag, gab es im nördlichen Teil des Landes zahlreiche militärische Lager. So wurden in der Regierungszeit des Goryeo-Königs Gwangjong (r. 949-975) die Goryeo Six Gangdong (East of the River) Garrison Settlements errichtet und eines von diesen war Guju, das heutige Guseong. 

Die moderne Stadtentwicklung Koreas setzte dann nach der Öffnung koreanischer Häfen und dem Bau von Eisenbahnlinien ein. Von 1876 bis 1910 waren elf Häfen geöffnet worden, darunter befanden sich auch sechs im heutigen Nordkorea. In Wonsan legten die Japaner etwa 6 km nördlich des koreanischen Dorfes in einem Schilffeld ein Konzessionsgebiet an, das nach der Öffnung des Hafens trockengelegt wurde. In diesem Teil der Stadt wurde der Hafen Wonsan gebaut und ist bis heute das Zentrum der Stadt. Von Anfang an spielte der Ort unter militärstrategischen Gesichtspunkten eine große Rolle. Durch die Errichtung des Konzessionsgebietes wurde der Weg für das Vorrücken Russlands versperrt und während des Japanisch-Chinesischen Krieges war Wonsan zusammen mit Busan und Incheon ein Stützpunkt für die Anlandung japanischer Truppen. Auch Cheongjin war – wie Wonsan – anfangs nicht mehr als ein kleines Fischerdorf innerhalb des Kreises Buryeong. Als dort im Russisch-Japanischen Krieg (1904- 1905) militärische Ausrüstungsgegenstände der Japaner stationiert wurden, zählte das Dorf um die 100 Häuser und bereits 1908 wurde Cheongjin für den internationalen Handel geöffnet. Während des Russisch-Japanischen Krieges hatten die Japaner als Nachschubweg für ihr Militär eine 90 km lange Eisenbahnlinie von Cheongjin nach Hoeryeong vorangetrieben, die 1906 fertiggestellt wurde. 

Nach den Zerstörungen im Korea-Krieg wurden die Städte teilweise mit Unterstützung von Staaten des realexistierenden Sozialismus wiederaufgebaut. Das meistzitierte Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Unterstützung der DDR beim Aufgang der Stadt Hamhung. Eine Hauptverkehrsstraße in Hamhung wurde sogar eine Zeitlang nach dem DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck benannt. 

Ein Beispiel für eine nordkoreanische Stadtgründung ist der Bau der Satellitenstadt Pyeongseong nördlich der Hauptstadt Pyongyang. Nachdem die Akademie der Naturwissenschaften hier ihren Platz fand, wurden unter ihrer Schirmherrschaft zahlreiche andere Forschungsinstitute gebaut. Die wichtigsten Forschungs- und Lehreinrichtungen lagen in einem speziellen Wissenschaftsbezirk im Süden von Pyeongseong. 1995 erfolgte dann aber eine Abtrennung dieses Stadtteils, wobei dieser nun den Eunjeong-guyeok der Stadt Pyeongyang bildet. Das vor dem Korea-Krieg noch agrarisch geprägte Suncheon gehört zu den Gegenden, die als Industriegebiet neu eingerichtet wurden. Auf der Grundlage reicher Kalkstein- und Steinkohlevorkommen entstanden kleine und große Bergwerke und Fabriken. Suncheon ist zudem ein Verkehrsknotenpunkt. Als während der 1980er Jahre mit dem Aufbau der Vereinigten Vinalonwerke begonnen wurde, zogen viele Bürger aus allen Gegenden hierher und Suncheon wandelte sich zu einer Industriestadt. Vinalon wird allerdings seit längerer Zeit nicht mehr in Suncheon hergestellt. 

Eine interessante Stadt ist Anju, da sich ihre verstädterten Regionen in drei bestimmte Gebiete aufteilen lassen. Das Stadtzentrum von Anju geht auf eine befestigte alte Stadt zurück. Ihre Bedeutung erkennt man auch daran, dass sich der Provinzname Pyongan aus den Anfangssilben der Städte Pyongyang und Anju zusammensetzt. Als nun aber die Eisenbahnlinie von Seoul nach Sinuiju gebaut wurde, verlief diese westlich von Anju. An der Eisenbahnlinie entstand das »Neue Anju«, Sinanju. Der Bau des Namheung Youth Chemical Complex, einer der wichtigsten petrochemischen Fabriken im westlichen Raum Nordkoreas, im Jahre 1974 im Norden des heutigen Stadtgebietes von Anju markierte die Geburtsstunde der Industrieregion Anju. Um das Chemiewerk herum liegen mehrere Stadtteile, so dass das ehemalige Anju-Zentrum, Sinanju und Namheung drei Stadtregionen mit unterschiedlichen Wurzeln darstellen, die typisch für die Genese nordkoreanischer Städte sind. 

NATURRÄUMLICHE FAKTOREN 

Naturräumliche Faktoren spielen für das Image von Städten dann eine große Rolle, wenn sie an Meeren oder an großen Flüssen liegen. Beispiele für Hafenstädte wurden bei der Betrachtung der historischen Faktoren bereits genannt. Im Hinblick auf eine gewünschte Zukunft Nordkoreas träumen südkoreanische Journalisten bereits von einem »Wunder am Daedong-gang«. Dieser durchfließt nicht nur die Hauptstadt Pyeongyang, sondern auch Suncheon sowie Deokcheon und liegt südlich der Hafenstadt Nampo. Anju und Sinanju haben sich südlich des Cheongcheon-gang entwickelt, Namheung in einer Ebene nördlich des Flusses. Das Zentrum Nordostkoreas, Hamhung, entwickelte sich dort, wo ein Übergang über den Unterlauf des Seongcheong-gang möglich war. An den koreanischen Grenzflüssen im Norden liegen Sinuiju, Manpo und Hyesan sowie Hoeryeong. Aber auch künstliche Gewässer prägen das Image einer Stadt. Durch die Stauung des Oberlaufes des Daedong-gang entstand 1982 in Deokcheon der Geumseong-See, der sich östlich des Stadtzentrums erstreckt. Das Stadtbild von Sariwon ist geprägt durch den Kanal, der nach dem Korea-Krieg bis ins Stadtzentrum gebaut wurde und das Wasser des Jaeryeong-gang bis in die Innenstadt fließen lässt, 1988 wurde ein Passagier-Fracht-Kai gebaut und somit der Schifffahrtsweg bis Songnim, Nampo und Pyeongyang geöffnet. 

FUNKTIONSRÄUMLICHE FAKTOREN 

Bei den funktionsräumlichen Faktoren für das Image einer Stadt ist zu bedenken, dass eine Stadt mehrere Funktionen ausübt. Imageprägend sind vor allem administrative Funktionen als Hauptstadt des Staates oder einer Provinz sowie wirtschaftliche Funktionen. 

Bei vielen Städten Nordkoreas lässt sich eine Spezialisierung auf eine Branche feststellen. Oftmals gibt es eine oder ein paar wenige Fabriken, die die Wirtschaftsstruktur einer Stadt beherrschen oder zu einer Art Wahrzeichen einer Stadt erhoben werden wie zum Beispiel das Huicheon Ryeonha General Machinery Plant in Huicheon oder die Amnokgang Tire Factory in Manpo. An vielen Orten Nordkoreas dürfte sich Rüstungsindustrie befinden. Das Image des bedeutendsten Standorts für diesen Sektor hat die intramontane Stadt Ganggye, die Hauptstadt der Provinz Jagang. Als Stadt der U-Boot-Industrie gilt Sinpo. Letzterer Ort gilt ebenso als ein Zentrum der Fischereiwirtschaft des Landes. 

Interesse wecken jene Städte, die ein besonderes Entwicklungspotenzial nach einer Wiedervereinigung Koreas versprechen beziehungsweise in denen zurzeit Projekte wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit Südkorea oder anderen Ländern realisiert werden. Die Stadt, in der sich die bisher erfolgreichste Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und Südkorea ereignete, war zweifellos Kaeseong, so dass die Wirtschaftszone in Kaeseong zum Image der Stadt als einen Ort der Zusammenarbeit zwischen beiden koreanischen Staaten beiträgt. Allerdings gab es auch zuvor Initiativen von Nordkorea, Investoren aus dem Ausland anzulocken, die jedoch oft scheiterten. In den letzten Jahren zogen aber die verkehrstechnisch günstig gelegenen Städte Raseon und Cheongjin das Interesse von China und Russland auf sich, so dass dort Investitionen in Hafenanlagen und andere Infrastrukturprojekte getätigt wurden. 

Auch im September 2002 überraschte Nordkorea die Welt mit dem Plan, eine kapitalistische »Sonderverwaltungszone Sinuiju« zu gründen. Sie sollte sich zu einem internationalen Zentrum für Finanzen, Handel, IT-Industrie, moderne Wissenschaft, Unterhaltung und Tourismus entwickeln. Doch das Projekt scheiterte. Seit 2009 ist nun aber nun wieder im Gespräch, die Sinuiju Special Economic Zone zu entwickeln, wobei die DPR Korea die beiden Inseln Wihwa und Hwanggeumpyeong an China verleiht, um diese als Freihandelszonen zu entwickeln. 

SOZIALRÄUMLICHE FAKTOREN 

Unter sozialräumlichen Faktoren für das Image einer Stadt versteht man beispielsweise prominente Personen, die aus der betreffenden Stadt stammen oder in ihr leben. In Südkorea gilt beispielsweise die Stadt Jongju als eine Heimat von Pionieren. In Jongju geboren bzw. die christliche Osan-Schule besucht haben so u.a. die Literaten Yi Kwang-su (1892-1950) und Kim So-Wol (1902-1934). Die Osan- Schule besuchten u.a. auch der Maler Lee Jung-seob (1916-1956) und der Philosoph Ham Seok-Heon (1901-1989), der „koreanische Ghandi“. In Jongju geboren wurde der Gründer der Vereinigungskirche („Moon-Sekte“) Moon Sun-Myung (1920-2012). Die nordkoreanische Regierung hatte sogar der Vereinigungskirche erlaubt, in Jongju eine Pilgerstätte für die Moon-Sekte einzurichten. 

Im Falle Nordkoreas kommt noch hinzu, dass hier bewusst politische Parolen mit bestimmten Betrieben oder Städten verbunden werden. Zahlreiche der sozialräumlichen Faktoren sind somit auf gewollte Maßnahmen des nordkoreanischen Staates zurückzufüh- ren. Beschränken wir uns aber auf Städtenamen, so stellen wir in zwei Fällen fest, dass Personennamen herangezogen worden waren. Beim ersten Fall wurde ein Personenname als Toponym beseitigt. Als in den 1880er Jahren das japanische Militär zur Vorbereitung des Japanisch-Chinesischen Krieges einen Landeplatz beim heutigen Songnim einrichtete, gab man ihm den Namen des zuständigen Befehlshabers Watanabe Kenji, Kenji-Hafen (Kenjiho, koreanisch Gyeomipo). 1947 bekam die Stadt dann ihre jetzige Bezeichnung. Mit der Umbenennung von Seongjin in Kimchaek im Jahre 1951, einer Hafenstadt am Ostmeer, sollte der dort geborene General Kim Chaek (1903-1951), ein Kamerad Kim Il Sungs geehrt werden. In nordkoreanischen Quellen wird die Bedeutung der Stadt Hoeryeong als die Geburtsstadt der Mutter von Kim Jong Il, Kim Jong Suk (1917- 1949), und als Stadt, in der sie ihre Kindheit verbrachte, besonders hervorgehoben. In Sariwon ehrt man besonders den im Korea-Krieg gefallenen Generalstabschef Kang Keon (1918-1950). 1968 wurde ihm zu Ehren eine Statue errichtet. Auch wurden eine der wichtigsten Straßen der Stadt sowie eine Universität nach ihm benannt. 

Zudem tragen zahlreiche Parolen zur Mobilisierung der Bevölkerung Namen von Städten oder sind innerhalb von Städten verortbar. Gerade von der Bergprovinz Jagang und den großen Industriestädten an der Ostküste wird berichtet, dass sie während der Hungersnot in den 1990er Jahren besonders stark zu leiden hatten. Bewusst wurden daher die Städte Ganggye und Huicheon (beide Provinz Jagang) für die Propagandaparolen Nordkoreas ausgesucht. 

Je nach Betrachter wird die Bedeutung der Imagefaktoren für die Vorstellungen, Ideen, Einstellungen und Gefühle gegenüber den einzelnen nordkoreanischen Städten verschieden sein. Erfreulicherweise beschäftigt sich aber in den letzten Jahren eine steigende Anzahl von wissenschaftlichen Schriften mit nordkoreanischen Städten. Diese Studien werden dazu beitragen, objektive Grundlagen unserer Vorstellungen und Einstellungen zu festigen. 

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine überarbeitete, deutsche Version von »Rainer Dormels (2014): Factors of the Image of North Korean Cities«, ursprünglich veröffentlicht in: »Dongwoo Yim/Rafael Luna (ed.) 임동우 & 라파엘 루나 엮음 (2014): North Korean Atlas 북한 도시 읽 기«. In seinem Buch »North Korea‘s Cities: Industrial facilities, internal structures and typification«, erschienen 2014 im Jimoondang-Verlag, analysiert er insgesamt 27 nordkoreanische Städte.

  1. Uwe-Jens Walter/Johann Jessen (2006): Projektbericht Die industrialisierte Stadt: Manchester, Liverpool … Berlin?. URL: home.arcor.de/postindustrielle. stadt/Pdf/Endbericht.pdf. (18.10.2016). ↩︎