Kerzenlichtrevolution der Bürger*innen: Ein Triumph der Demokratie

Stand 2017: Park ist Jin Menschenrechtsaktivistin und arbeitet für das Dasan Human Rights Center. Sie ist Mitglied des Organisationskomitees der Kerzenlichtdemonstrationen der Bürger*innen Südkoreas. Gemeinsam mit Park Seok-Woon, Co-Präsident des Komitees, und der Studentin Jang Ae-Jin nahm sie am 5. Dezember 2017 den Menschenrechtspreis 2017 der Friedrich-Ebert-Stiftung entgegen.
Dieser Artikel ist erstmals in der Printausgabe vom Korea Forum 26 erschienen.

Die Kerzenlichtdemonstrationen waren die größten Proteste in der Geschichte Südkoreas. Über fünf Monate hinweg kamen Millionen von Menschen auf die Straßen und demonstrierten friedlich gegen Machtmissbrauch und Korruption. Der öffentliche Protest führte letztlich zur Amtsenthebung der Präsidentin und ebnete den Weg für Neuwahlen. Ermöglicht wurde dies durch die Arbeit des Organisationskomitees der Kerzenlichtdemonstrationen der Bürger*innen Koreas, in dem sich rund 1500 Organisationen zusammenfanden. Park Jin war Mitglied des Komitees, das sich zum 24. Mai 2017 auflöste.

Präsidentin angeklagt / Amtsenthebungsverfahren der Präsidentin

22. März 2017. Das erste Mal seit 1072 Tagen taucht die Fähre Sewol aus dem Wasser auf. Die Leute sagten: »Das Schiff der Präsidentin Park Geun-Hye sinkt und die Fähre Sewol taucht auf…«. Nach der Anhörung zur Amtsenthebung von Präsidentin Park Geun-Hye vor dem Verfassungsgericht, fühlte ich, wie meine Anspannung nachließ. Aber die Hinterbliebenen der Opfer der Sewol protestierten gegen das Gericht, da das Unglück der Sewol nicht zu den Gründen gezählt wurde, die zu dieser Amtsenthebung der Präsidentin führten. »Warum wird die Sewol ausgeschlossen?« Und als ob die Sewol auf den Aufschrei antwortete, tauchte sie aus dem Wasser auf. Die Amtsenthebung Park Geun-Hyes war jedoch nur der Anfang eines gesellschaftlichen Wandels. Die Leute begannen zu sagen, dass Korruption und Veruntreuung zusammen mit Park Geun-Hye verschwinden müssten, um einen neuen politischen Frühling in Korea zu erleben.

Der Amtsmissbrauch innerhalb der Regierung, ein Nebenprodukt der 40-jährigen Zusammenarbeit zwischen Park Geun-Hye und ihrer Vertrauten Choi Soon-Sil1 Choi Soon-Sil ist eine enge Vertraute von Ex-Präsidentin Park Geun-Hye und wurde 2018 wegen Machtmissbrauch, Nötigung und Bestechung zu 20 Jahren Haft und einer Strafe von umgerechnet 13,5 Millionen verurteilt. , erlebte ihren Höhepunkt mit dem Skandal um Chung Yoo-Ra2Chung Yoo-Ra ist die Tochter von Choi Soon-Sil und war in den Skandal um ihre Mutter Choi Soon-Sil verwickelt, die die Aufnahme von Chung Yoo-Ra in die Ewha Universität durch Bestechung ermöglicht haben soll.. Zwar gab es auch vorher Veruntreuung und Korruption in anderen Administrationen – die Leute hatten keine großen Erwartungen an Staat und Gesellschaft –, jedoch führten die faulen Spielchen von Choi Soon-Sil und Chung Yoo-Ra dazu, dass die Leute ihre Geduld verloren. »Die Menschen haben Probleme zu überleben…«, gleichzeitig spüren sie die Ungerechtigkeit der Privilegien derjenigen, die die Gesellschaft regieren. Der Bericht des Fernsehsenders JTBC über die Machenschaften Chois erbrachte schließlich den Beweis für diese Ungerechtigkeit. Erst über die Presse kam die Wahrheit ans Licht. Frustriert über die Machenschaften der Regierung erhoben die Leute nach und nach Kerzenlichter als Zeichen des Protests. Als sie sich erstmals am Seouler Cheonggye-Platz versammelten, hätten sie niemals gedacht, dass sich ihr Protest zu etwas so Großem entwickeln würde. In einem Zeitraum von Anfang Winter 2016 bis Frühling 2017 fanden 23 Massenproteste mit einer zunehmenden Teilnehmerzahl von 17 Millionen Menschen statt. Eine Zahl, die anfangs unvorstellbar erschien.

[Foto: Park Jin1]

Das Wunder der Kerzenlichtdemonstrationen hat eine lange Geschichte. Nach der dritten Erklärung Park Geun-Hyes, die bereits zu diesem Zeitpunkt als »serial statement criminal« betrachtet wurde, versammelten sich mehr als 2 Millionen Menschen auf verschiedenen Plätzen im ganzen Land. Allein in Seoul versammelten sich auf dem Gwanghwamun-Platz über 1,6 Millionen Menschen. Park Geun-Hyes dritte Erklärung lautete zusammengefasst, dass sie »keine Absicht hat zurückzutreten und dass sie den Ball der Nationalversammlung zuspielt«. Es war ein politischer Zug Parks vor dem Hintergrund des Zögerns von Parks Gegnern innerhalb der Saenuri-Partei und der Ungewissheit der Oppositionsparteien »im Hinblick auf die 7 Stunden während die Sewol-Fähre unterging und Park abwesend war«. Die Reaktion der Menschen war heftig und voller Wut. Die politischen Kreise bemerkten dies schnell. Der letztendliche Ausgang des Amtsenthebungsverfahrens führte zu einem parlamentarischen Erdrutsch. Nach der Anhörung des Sprechers der Nationalversammlung Chung Se-Kyun, der die Amtsenthebung bekanntgab, schrie der Vorsitzende des Familiengerichts: »Lang lebe die Kerzenlichtrevolution der Bürger*innen!« Im Nachgang wird dies vermutlich als Paradigmenwechsel von einer repräsentativen Demokratie zu einer Demokratie der Bürger*innen betrachtet werden.

Im Anschluss an die Anhörung der Nationalversammlung, wurde der Vorsitzende der Jaebeol (Großkonzerne) nach langem Widerstand ins Parlament einberufen. Der Sonderstaatsanwalt startete eine Untersuchung. Cho Yun-Sun, Senior Präsidentschaftssekretär, und Kim Ki-Choon, Stabschef der Präsidentin, wurden für die Erstellung einer schwarzen Liste verhaftet. Außerdem wurde Lee Jae-Yong, Erbe der Samsung Group, aufgrund von Bestechungsgeldern und Kim Kyung-Sook3Kim Kyung-Sook ist die ehemalige Dekanin der Fakultät für Konvergenz von Wissenschaft und Industrie an der Ewha Universität. hinsichtlich finanzieller Veruntreuung zusammen mit Chung Yoo-Ra verhaftet. Die einst unbesiegbaren und mächtigen Führungsspitzen in Politik und Gesellschaft fingen an vor dem Gesetz in die Knie zu gehen. Durch exklusive Berichte der Tageszeitung Hankyoreh und des Fernsehsenders JTBC kam es zu einer Vielzahl von Anklagen. Die Bürger*innen lobten die Medien, die mit der Vergangenheit brachen, und nicht mehr nur Sprachrohr der Regierung waren. Damit stiegen auch die Erwartungen der Menschen nach einem grundlegenden Wandel, und es schienen weiterhin Kerzen auf den Plätzen in Südkorea. Die Behauptung der Befürworter Park Geun-Hyes, die Kerzen würden in einem Zug ausgepustet werden, erwies sich als falsch. Jemand sagte: »Da ich selbst die Kerze bin, kann ich nicht ausgepustet werden«. Jedoch war die Hartnäckigkeit Park Geun-Hyes, alles hinauszuzögern, nicht so leicht zu brechen. Das Präsidentenbüro in Cheongwadae (Blaues Haus) versuchte die Anordnung eines Durchsuchungsbeschlusses zu verhindern. Premierminister Hwang Kyo-Ahn lehnte es ab, die Untersuchungsfrist des Sonderstaatsanwalts zu verlängern und Parks Chefsekretär für zivile Angelegenheiten, Woo Byung-Woo, entwischte der Staatanwaltschaft.

Von der Regierung im Namen Park Geun-Hyes organisierte Pro-Park Proteste, die als freiwillige Bürger*innen-Demonstrationen getarnt waren, gerieten aus dem Ruder, insbesondere durch Gewalt vom rechten Flügel und politische Hetze. Am Ende gab es drei Tote, wofür niemand verantwortlich gemacht wurde. Selbst Park Geun-Hye, für die ihre Unterstützer in den Tod gingen, äußerte sich nicht dazu – als wäre nichts gewesen.

Rache mit größerer Demokratie

Der Bürger*innen-Aufstand vom Juni 1987 in Südkorea wurde durch den Tod eines jungen Mannes ausgelöst. Ungeachtet der offiziellen Bekanntgabe, dass er an einem Schlaganfall gestorben sei, versammelten sich die Menschen auf der Straße. Um genau zu sein, die Menschen versammelten sich deswegen auf der Straße, weil sie sich weigerten, den Lügen der offiziellen Regierungsstelle zu glauben. Die auf der Straße versammelten Menschen standen den Kampfstiefeln der Diktatur gegenüber, welche die Stimmen der Freiheit zu unterdrücken versuchten. Sie sahen sich dem Tränengas und den Schlagstöcken der Bereitschaftspolizei gegenüber. Aber sie wichen nicht zurück. Sie waren es, die eine Verfassungsänderung und die direkte Wahl des Präsidenten herbeiführen. Die Juli-August-Kämpfe der Arbeiter nach dem Aufstand vom Juni 1987 führten zur Gründung von demokratischen Gewerkschaften. Doch was brachte der 5-monatige Bürger*innen-Aufstand der Kerzenlichtrevolution 2016/2017? Wie lässt sich dieser Aufstand der Bürger*innen beurteilen?

Korruption und Veruntreuung waren nichts Neues in der damaligen Regierung. Also was unterschied das kriminelle Vorgehen von Parks Vertrauter Choi Soon-Sils von der Vergangenheit? War es bloß die Empörung über eine inkompetente Frau aus dem Nirgendwo ohne jegliche Titel, die mit den Staatsgeldern herumspielte, wie es ihr gerade passte? War es das Entsetzen darüber, dass es nicht nur die Präsidentin und staatliche Institutionen waren, die in diesem Spiel mitwirkten, sondern auch die Jaebeol, die ebenfalls in den Korruptionsskandal verwickelt waren? Unter all diesen Faktoren waren es vor allem die unverschämten Privilegien der Mächtigen und Reichen in Politik und Wirtschaft, die die Bevölkerung am meisten empörte. Ein Beispiel ist der Vorfall um Chung Yoo-Ra, Choi’s Tochter. Chungs illegale Aufnahme an die Universität und wie sich diese ereignete, bestätigten Chungs eigenen Worte: »Ein Teil des eigenen Talents besteht darin die richtigen Eltern zu haben«. Dies löste unter der Bevölkerung eine große allgemeine Empörung aus. Für den Großteil der Menschen war dies unverzeihlich. Daher bezeichne ich die Kerzenlichtbewegung als eine Revolution der Bürger*innen und als einen Kampf zwischen »Privileg und Foulspiel« und »Gerechtigkeit und Gleichheit«. Die Informationen zum Korruptionsskandal, die der Fernsehsender JTBC veröffentlichte, weckten das öffentliche Interesse, aber der eigentliche Ursprung der Revolution war etwas anderes, was ihr zusätzlichen Schwung lieferte. Diejenigen, die sich auf den Plätzen versammelten, waren frei und friedlich. Obwohl es eine Debatte darüber gab, ob die Absichten der Demonstrierenden friedlich oder gewalttätig seien, war es letztendlich die überwältigende Mehrheit, die mächtiger war als jede Form von Gewalt. Die Polizei erlaubte keinen Marsch in Richtung des Blauen Hauses, jedoch entschied das Gericht stets zugunsten der Versammlung. Die Leute haben zugeguckt. Es gab keine Berichte von Gewalt, während die Bürger*innen in Richtung Blaues Haus marschiert sind. Die Polizei behandelte die Protestierenden jedoch von vorneherein als Randalierer. Im November 2015 wurde ein protestierender Bauer von Wasserwerfern der Polizei getötet. Gewalt fand erst dann nicht mehr statt, als die Polizei aufhörte, mit Polizeibussen Barrikaden zu errichten und Wasserwerfer einzusetzen. Der Protestmarsch in Richtung Demokratie erinnerte die Leute daran, wie wichtig das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit ist. Der Marsch bezeugte, dass Menschen aus ihrer eigenen Kraft heraus demokratischer waren als ein korrumpierter Staat. Hinzu kommt, dass der Gwanghwamun-Platz für Versammlungen dieser Art eigentlich nicht verwendbar ist. Der Platz ist von zwei Straßen umgeben, die nicht für Protestmärsche freigegeben sind. Der Grund dafür ist ein Versammlungs- und Demonstrationsgesetz, das Versammlungen innerhalb von 100 Metern zu einer Botschaft oder auch Hauptstraßen verbietet. Wäre also der Amtsenthebung von Präsidentin Park vor dem Verfassungsgericht nicht stattgegeben worden, hätten 17 Millionen Teilnehmer*innen der Kerzenlichtdemonstrationen wahrscheinlich eine Vorladung vom Gericht erhalten. Es muss umgehend eine Überarbeitung des Versammlungs- und Demonstrationsgesetzes und der Verordnungen zum Gwanghwamun-Platz erfolgen, um eine größeres Maß an Rechten und Freiheiten der Bürger*innen zu gewährleisten, wie zum Beispiel im Falle des Gesetzes, das Versammlungen bei Nacht untersagte, jedoch nach den „Mad-Cow“-Kerzenprotesten 2008 für verfassungswidrig erklärt wurde.

Am 31. Dezember veranstalteten die Gewerkschaft des öffentlichen Verkehrs unter der Schirmherrschaft des koreanischen Gewerkschaftsbundes (KCTU) und die Crab-Dumpling-Gewerkschaft unter der Schirmherrschaft des koreanischen Dumplingverbandes (als Parodie auf die KCTU) aus Spaß das »Any Flag Festival«. Jegliche Antipathie gegenüber Flaggen führte damit zur Anerkennung jeder erdenklichen Flagge. So führten Flaggen der erfundenen »Nashornkäfer-Forschungsgesellschaft« zur Entstehung einer satirischen »Höhenkrankheit Forschungsgesellschaft«-Flagge, nachdem bekannt wurde, dass das Büro der Präsidentin große Mengen Viagra (vor internationalen Treffen) bestellte: Witz und Humor als Kennzeichen der Demokratie. Dank freiwilliger Helfer*innen waren Versammlungsorte, an denen eine Million Menschen teilgenommen hatten, im Anschluss sauber und frei von Müll, da die Demonstrant*innen die Protestplätze als Teil ihres eigenen Verantwortungsbereiches betrachteten. Niemand wurde ausgeschlossen, sondern es wurde sich gegenseitig zugehört. Einst chaotische Orte wurden zu Orten der Performance und Darstellung. Verschiedene Unterschriftensammlungen und andere Kampagnen wurden abgehalten. Es wurde mit einer Stimme gesprochen. Man sagt, die Leute gingen zunächst auf die Straße, weil sie Park Geun-Hye hassten, gleichzeitig aber lernten sie viel über die Welt dort draußen. Der Demonstrationsplatz förderte das Demokratieverständnis und fünf Monate später resultierte der anhaltende Aufschrei der Bürger*innen in der Amtsenthebung der Präsidentin. Fünf Monate, in denen die Menschen nicht aufgaben, zu protestieren, obwohl es minus 10 Grad kalt war, und in denen sie sich zusammen mit ihren Kindern durch überfüllte U-Bahnen zwängten. Es war die Zeit des demokratischen Aufbruchs gegen die politische Verrohung der Gesellschaft. Es war die Zeit der einfachen Leute, die stark waren, weil sie zusammenhielten.

Der Kerzenlicht-Platz in unserem Alltag

»Waren die Leute auf dem Kerzenlicht-Platz glücklich?« Oder müsste man nicht viel eher fragen: »Können sie in Zukunft glücklich sein?« Nach insgesamt 23 Kerzenlicht-Demonstrationen wurde der mächtigsten Person im Land die Macht entzogen, und sie kam ins Gefängnis. Gleichzeitig blieb das Park Geun-Hye-System auch ohne sie noch eine ganze Weile bestehen. Hwang Kyo-Ahn, ein Komplize Parks, wurde übergangsweise zum Präsidenten ernannt, während Woo Byung-Woo, Parks Chefsekretär für zivile Angelegenheiten, nicht verhaftet wurde. Daher bleibt die Frage offen, ob es bereits einen fundamentalen Wandel gegeben hat oder ob dieser Wandel erst im Entstehen ist. Was war mit der Präsidentschaftswahl, die direkt nach den Kerzenlichtdemonstrationen stattfand? Die Zeit vergeht so schnell, dass es sich komisch anfühlt, schon jetzt die vorangegangene Wahl zu bewerten, insbesondere weil sich die Dinge im Anschluss an die Amtseinführung der neuen Administration so schnell veränderten. Die Kerzenlicht-Revolution ist noch nicht vorbei. Vielmehr glaube ich, dass dies alles, die Amtsenthebung, die Präsidentschaftswahl, und die Amtseinführung der neuen Administration, lediglich Teile eines weitaus größeren revolutionären Prozesses sind.

Rückwirkend betrachtet, hat die Präsidentschaftswahl, die direkt nach den Kerzenlichtprotesten stattfand, die Energie des Kerzenlicht-Platzes in die aktuelle Politik transportiert. Bereits die Verabschiedung der Amtsenthebung durch die Nationalversammlung hatte die politische Arena in ein »Schlachtfeld« der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen verwandelt. Ironischerweise waren es gerade diejenigen, die die Grenzen der repräsentativen Demokratie mit ihren Protesten durchbrochen hatten, die nun wieder euphorisch für ihre Präsidentschaftskandidaten votierten. Die 17 Millionen Menschen, die zusammen auf dem Kerzenlicht-Platz demonstrierten, schafften es lediglich ein Gesetz, den »Ferry Sewol Salvage Act« (Gesetz über die Bergung der gekenterten Fähre »Sewol«), zu verabschieden. Andere Reformen, inklusive dem Wahlrecht ab 18 Jahren, schafften es nicht über die Türschwelle des Parlaments (erst 2019 wurde die Reform umgesetzt). Das hartnäckige Beharren der Liberty Korea Party (Freiheitspartei Korea) und das verantwortungslose Schweigen der Bareun-Party (Gerechtigkeits-Partei) verhinderten einen grundlegenden Wandel. Zudem wurde ein Raketenabwehrsystem THAAD installiert, das den Frieden auf der koreanischen Halbinsel nachhaltig gefährdet. Auch gewann der von Hong Joon-Pyo repräsentierte politisch rechte Flügel, der gegen die Amtsenthebung Parks votierte und im Nachgang durch provokante Bemerkungen und Hasskommentare auf sich aufmerksam machte, zusätzlich an Macht, und damit immerhin 25% der Stimmen. Und noch während der Präsidentschaftsdebatte machte auch Moon Jae-In als Antwort auf eine Frage Hongs eine diskriminierende Bemerkung über Homosexualität. Moon entschuldigte sich zwar für seine Bemerkung, doch verpasste er die Chance, ein grundlegendes Statement in dieser Angelegenheit als ehemaliger Anwalt für Menschenrechte zu geben. Die Mehrheit der Bürger*innen ist nach wie vor vom politischen Prozess, der ihr Schicksal bestimmt, ausgeschlossen. Es war am Anfang des Amtsenthebungsprozesses so, und es war während der Präsidentschaftswahl so. Es war in Milyang und Gangjeong so und nun auch in Soseong-Ri (Ort des THAAD).

Dennoch war die Erfahrung, sein eigenes Schicksal in der Hand zu haben, vor dem Hintergrund der Amtsenthebung der Präsidentin kostbar. Es ist aber nicht so einfach, die Ergebnisse all dieser Erfahrungen und die Energie, die dahinter steckt, in die tatsächliche Politik zu übertragen. Doch wie ist es uns möglich, unsere Erfahrungen während der Kerzenlicht-Proteste in unser alltägliches Leben zu integrieren? In Pokemon-Go, einem Spiel der sogenannten »erweiterten Realität« (Augmented Reality), rennt Pikachu in unserem eigenen Wohnzimmer und auf den Straßen herum. Es ist eine Realität, die eigentlich gar keine ist. Übertragen auf den Kerzenlicht-Platz ist es daher wichtig, diesen Platz nicht einfach nur als eine erweiterte Realität zu verstehen, sondern ihn zu unserer tatsächlichen Realität werden zu lassen. Letztendlich wird es darauf ankommen, wie wir unser eigenes Leben im Alltag organisieren. Die Geschichte der demokratischen Gewerkschaft begann im Juli-August nach dem Bürger*innen-Aufstand vom Juni 1987. Die Zivilgesellschaft wuchs. Manche sagen jedoch, dass der Bürger*innen-Aufstand vom Juni 1987 eine gescheiterte und unvollendete Revolution war, die nichts Grundlegendes am Handeln der Regierung veränderte. Gleichzeitig lebten wir drei Jahrzehnte in einem System, das durch die Revolution vom Juni 1987 geprägt war. In diesem Sinne signalisiert auch die Kerzenlicht-Revolution von 2017 einen Anfang von etwas Neuem. Ob wir es nun zugeben wollen oder nicht, es hat ein Systemwechsel stattgefunden. Eine Generation, die solch einen Triumph des Wandels miterlebt hat, ist mächtiger als andere Generationen. Diejenigen, die Demokratie erlebt haben, können nicht in der Zeit zurückgehen. Dies ist die Macht des Wandels. 

Doch es gibt noch viel zu tun: Trefft euch mit Leuten, nehmt an Rathaussitzungen teil, gründet Gewerkschaften, und schließt euch Schulkomitees an. Unterstützt Bürger*innengruppen, oder gründet selbst einen Bücher- oder Filmclub. Schaut nicht weg, wenn ihr Zeuge von Ungerechtigkeit werdet. Ignoriert nicht das Leid anderer, sondern teilt eure Gedanken darüber mit, wie wir gemeinsam als Gesellschaft überleben können. Denn nur wenn solche Gespräche und Gedanken geteilt werden, können wir ein anderes Leben in einer anderen Welt realisieren. Die Ära, in der es nur um Park Geun-Hye ging, ist vorbei. Von nun geht es darum, zu bestimmen »Wie ›ich‹ leben sollte«. Die Revolution fängt wieder von vorne an, jetzt.

Bei einer Kerzenlichtversammlung in der südlichen Provinz Gyeongsang sagte ein 20-jähriger Elektriker: »Park Geun-Hye ist zwar weg, aber ich möchte keine weiteren 20 oder 30 Jahre in dieser Welt leben müssen«. Eine andere junge Person, die vom Gwanghwamun-Platz nach Hause zurückgekehrt war, sagte: »Auf dem Platz ist jeder dein Begleiter und Freund. Der Platz ist aufgeladen mit Energie und ich fühle mich dort glücklich, aber sobald ich mit dem Bus zurück nach Hause fahre, werde ich wieder zu einer arbeitslosen 20-Jährigen. Gibt es nicht irgendeine Möglichkeit, die Energie, die vom Platz aus geht, auf mein eigenes Leben zu übertragen?« Schon eine ganze Weile machen sich die Leute Gedanken über die Sorgen des Alltags, denen die Hochgefühle auf dem Platz folgten. So wie jeder ein Spieler auf dem Platz war, ist es nun an der Zeit, den eigenen persönlichen Platz zu eröffnen und sein eigenes Leben zu ändern.

Die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen, ist: »Wird sich unser Leben wirklich verändern?«

Die Errungenschaften und Bedeutung der Kerzenlicht-Revolution der Bürger*innen

Der lange Marsch der Kerzenlicht-Revolution der Bürger*innen, der am 26. Oktober 2016 begann, kam zu seinem Ende, doch noch heute verstehen wir nicht die volle Auswirkung der Revolution, die nach wie vor im Gang ist. Gleichzeitig lässt sich aber schon jetzt sagen, dass im Jahr 2017, das auch der Jahrestag der Revolution vom Juni 1987 ist, die Macht der Bürger*innen das korrupte System in Südkorea gestürzt hat. Wir sind stolz auf die neue Administration, die mit Hilfe der Kerzenlicht-Revolution der Bürger*innen in die Wege geleitet wurde. Diese Revolution ist das Ergebnis von 23 Märschen der Bürger*innen im ganzen Land, bei denen bis zum 29. April insgesamt 17 Millionen Menschen im friedlichen Protest anwesend waren.

[Foto 2: Park Jin2]

Die Menschen auf den Plätzen waren frei und friedlich. Sie waren aufgebracht über den Zusammenbruch der sozialen Sicherheitsnetze und der demokratischen Grundlagen, verursacht durch die beispiellosen Machenschaften der politischen Führung. Sie wollten nicht tatenlos zuschauen. Stattdessen kritisierten sie das Zögern der politischen Kreise und der Nationalversammlung mit ihrer Anwesenheit auf dem Platz. Sie gingen den Weg der Demokratie, den sie gehen wollten. Auf dem Platz waren alle gleich. Es war eine Koalition von Gleichgesinnten, die einander vertrauten. Der Platz selbst war ein Ort, an dem Demokratie gelebt wurde, eine Bühne, auf der auch gelacht und rumgealbert wurde. Konfrontiert mit dieser Leichtigkeit des friedlichen Protests des Volkes, blieb der Staatsmacht nichts anderes übrig als zu kapitulieren. Dies war ein schmerzhafter Lernprozess, der zwischen den anonymen Bürger*innen und den staatlichen Institutionen herrschte und während der gesamten Zeit der friedlichen Revolution anhielt. Die »Volksaktion für den sofortigen Rücktritt Park Geun-Heys« wird alles aufzeichnen. Sie wird aufzeichnen, wer, wann und wo versammelt war, um die Tage der Kerzenlicht-Revolution zu einem bedeutenden Kapitel in der Geschichte Südkoreas werden zu lassen und die damit verbundenen Erfahrungen an zukünftige Generationen weitergeben zu können. Am 29. Oktober 2018 werden wir unsere Geschichte der Welt offenbaren. An diesem Tag werden wir uns versammeln und allen zeigen, welche Fortschritte wir bereits bei der Beseitigung der tief verwurzelten Korruption in unserem Land gemacht haben.

Wir werden dem Kerzenlicht-Platz von Gwanghwamun gedenken. Gwanghwamun wird nicht einfach nur Vergangenheit sein, sondern als Symbol für die Entwicklung der Demokratie in Südkorea in Erinnerung bleiben, aufbauend auf den Erfolgen von 1987. Wir werden

daran festhalten, dass Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit ein fundamentales Recht ist, das allen Bürger*innen uneingeschränkt zusteht. Wir werden verkünden, dass die Bürger*innen die rechtmäßigen Eigentümer von Gwanghwamun sind. Wir bekennen uns zu Versammlungs- und Meinungsfreiheit als fundamentalen Bausteinen demokratischer Ordnung.

Eine neue dreißigjährige Kerzenlicht-Revolution der Bürger*innen gegen ungerechte Privilegien und politische Korruption hat begonnen. Ebenso wie heute werden die Bürger*innen stets ihr Bestes geben, um eine für sie gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. In der historischen Rückschau wird man anerkennen müssen, dass diese Bürger*innen eine neue Ära eingeleitet haben, indem sie aus ihrem Alltag ausbrachen und den Kerzenlicht-Platz erleuchteten. Als Teil dieser Bewegung werden wir, die Mitglieder der »Volksaktion«, glücklich sein, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Wir waren glücklich während all dieser Tage mit einem Kerzenlicht in der Hand.

Übersetzung aus dem Englischen von Leon Schob.

  • 1
    Choi Soon-Sil ist eine enge Vertraute von Ex-Präsidentin Park Geun-Hye und wurde 2018 wegen Machtmissbrauch, Nötigung und Bestechung zu 20 Jahren Haft und einer Strafe von umgerechnet 13,5 Millionen verurteilt.
  • 2
    Chung Yoo-Ra ist die Tochter von Choi Soon-Sil und war in den Skandal um ihre Mutter Choi Soon-Sil verwickelt, die die Aufnahme von Chung Yoo-Ra in die Ewha Universität durch Bestechung ermöglicht haben soll.
  • 3
    Kim Kyung-Sook ist die ehemalige Dekanin der Fakultät für Konvergenz von Wissenschaft und Industrie an der Ewha Universität.