In den meisten modernen Nationalstaaten – zunächst in Europa, später überall auf der Welt – hat die Pflicht der in der Regel männlichen Bevölkerung zum Dienst in der Armee zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten 250 Jahren eine staatstragende Rolle gespielt. Während nach außen hin die militärischen Fähigkeiten eines Staates für seine Stellung innerhalb des ausdrücklich auf dem Gleichgewicht der militärischen Kräfte und auf hegemonialen zwischenstaatlichen Beziehungen beruhenden internationalen Systems bestimmend waren und sind, dienen auf Wehrpflicht basierende nationale Armeen nach innen als tragende Säule des Staates, indem sie taugliche Männer im wehrpflichtigen Alter ins nationalistische Ethos einbinden1Samuel Finer, »State and Nation-Building in Europe: The Role of the Military«, – Charles Tilly (Hg.), The Formation of National States in Western Europe, Princeton: Princeton University Press, 1975, S. 84-163. und sie mit Sichtweisen und Praktiken vertraut machen, die oft als »Kultur der militarisierten Männlichkeit« bezeichnet werden.
Wie in vielen anderen Staaten sind auch in Südkorea (im Weiteren: Korea) die offizielle Definition der Nation und der etablierte »Mainstream«-Nationalismus untrennbar mit der allgemeinen Wehrpflicht der Männer verbunden. Während die Geschichte der Institution Wehrpflicht in Korea vergleichsweise jung ist, ist die Diskussion darüber schon viel älter.
YU Gil-Jun (1856-1914), einer der jungen reformistischen Intellektuellen und Herausgeber der Hanseong sunbo, einer der ersten Zeitungen, nahm eine detaillierte Betrachtung des Wehrpflichtsystems in sein enzyklopädisches Werk Seoyu gyeonmun (Persönliche Erfahrungen im Westen – Ein Bericht) auf. Er erläuterte, dass im Gegensatz zu den kontinentaleuropäischen Staaten die USA und Großbritannien in Friedenszeiten eine freiwillige Rekrutierung praktizierten, betonte aber die »Kriegermentalität« der angelsächsischen Länder und ergänzte, dass die Briten und Amerikaner »sich in ihrer Freizeit militärisch ausbilden lassen, so dass letztendlich alle Bürger Soldaten werden«. Weiter betonte er, dass die Wehrpflicht der französischen oder deutschen Art »Adlige und Gemeine, Reiche und Arme sich gleichermaßen um die Fahne scharen« lasse und das Wesen einer modernen Armee, sei sie eine Wehrpflicht- oder Freiwilligenarmee, darin bestehe, die Soldaten auszubilden und zu disziplinieren.2 Ein modernes Militär – und die kontinentale Wehrpflichtarmee als ein offensichtlich vorherrschender Typus des modernen Militärs – wurde von YU als zentrale Komponente der »Zivilisation« betrachtet.
Diese Ansichten wurden im Wesentlichen von dem einflussreichen Höfling und Diplomaten MIN Yeong-Hwan (1861-1905) geteilt. Er war der Überzeugung, dass die allgemeine Wehrpflicht Bismarcks Deutschland zum stärksten Staat des Kontinents gemacht habe. Am 21. Oktober 1896 drängte er König Gojong, dem Beispiel Russlands zu folgen und auch in Korea eine Wehrpflicht einzuführen, verbunden mit modernen Schulen für beide Geschlechter.3
In den darauffolgenden Jahren gelang es Gojong, sich über die Einwände der Konservativen hinwegzusetzen, für die das Prinzip einer allgemeinen Wehrpflicht in gefährlicher Nähe zur »nicht wünschenswerten« Idee der bürgerlichen Gleichheit stand, und am 15. März 1903 verkündete er per Dekret die Wehrpflicht.4 Aufgrund verwaltungstechnischer Unzulänglichkeiten und chronischer Finanzdefizite wurde die Verordnung jedoch nie in die Praxis umgesetzt.5 So wurde Korea zu Beginn des russisch-japanischen Krieges im Februar 1904 ohne einen einzigen Schuss besetzt. Die relativ kleine Berufsarmee von ungefähr 16.000 Mann wurde danach unter dem Druck der Japaner schrittweise verkleinert, bis sie am 1. August 1907 zwangsweise aufgelöst wurde.6
»WER DIE WEHRPFLICHT ABLEHNT, IST GEGEN DIE UNABHÄNGIGKEIT«
Nach der vollständigen Annexion Koreas durch Japan im Jahr 1910 blieb das militärische und/oder körperliche Training der koreanischen Jugend ein Hauptanliegen des nationalistischen Aktivisten AN Chang-Ho, der nun zumeist in den USA im Exil lebte. Er gründete am 13. Mai 1913 in San Francisco die Jungkoreanische Akademie (Heungsadan), die sich auf Spencers Idee der »harmonischen Entwicklung des Intellekts, der Moral und des Körpers« berief, welche um 1900 in Korea sehr populär war.7
Während er die »Kultivierung der Stärke« und die »Vorbereitungen« auf Koreas künftige Unabhängigkeit als oberste Priorität betrachtete, schloss er eine militärische Option nicht aus und verkündete in seiner berühmten Neujahrsrede (Sinnyeonsa) 1920, dass zur Vorbereitung eines eventuellen »Unabhängigkeitskrieges« die emigrierten Koreaner, Männer und Frauen, das »Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht« (Gaebyeongjueui) anerkennen und »zumindest eine Stunde täglich mit militärischem Training verbringen« sollten. Er schloss, dass »diejenigen, die keine militärischen Fähigkeiten erlernen, keine Koreaner sind. (…) Wer keine militärischen Fähigkeiten trainiert, widersetzt sich dem Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht. Wer das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht ablehnt, ist gegen den Unabhängigkeitskrieg. Wer gegen den Unabhängigkeitskrieg ist, ist gegen Unabhängigkeit.«8
Ein anderer prominenter Nationalist im Exil, PARK Yong-Man (1881-1928), unternahm einen Versuch, den Traum vom »Volk in Waffen« zumindest auf der Ebene einer kleinen Gemeinschaft umzusetzen. Schon kurz nach seiner Ankunft in den USA im Februar 1905 wurde PARK, der zu dieser Zeit politisch und persönlich mit RHEE Syngman (1875-1965) verbunden war, zu einer Führungsfigur der koreanisch-amerikanischen Community und gründete im Juni 1909 in Kearney, Nebraska, eine Militärschule für Knaben (So- nyeonbyeong Hakkyo). Vier Jahre später etablierte er auf Hawaii eine koreanische Militärschule – der erste Jahrgang war 180 Mann stark.9 PARK beschrieb den Krieg als unabwendbar wegen des unvermeidlichen »Kampfes ums Überleben« und betonte, dass die Wehrpflicht, deren Ursprünge er im antiken Sparta verortete, der einzige Weg sei, um den Herausforderungen des »Handelszeitalters« zu begegnen, in dem der Wettbewerb zwischen den Nationen sich bis zu einem Grad steigere, wo »eine Nation notwendigerweise angegriffen wird, wenn sie nicht zuerst angreift«.10
Während die koreanischen Emigranten in den USA oder China frei und öffentlich die Vorzüge von Wehrpflicht und Drill für die koreanische Jugend rühmen und sogar Ausbildungszentren aufbauen konnten, mussten sich die Intellektuellen im kolonisierten Korea, die nur unter strenger Zensur in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen konnten, darauf beschränken, die kriegerische Vergangenheit Koreas zu glorifizieren und die koreanische Jugend dazu aufzurufen, sich körperlich zu ertüchtigen.11 Mit der Diskussion über die Wehrpflicht in Korea selbst wurde es ernst, als Japan nach Beginn der großen Invasion in China 1937 dringenden Bedarf an Rekruten hatte und 1938 den Koreanern die Erlaubnis erteilte, »sich freiwillig der Kaiserlichen Armee anzuschließen«. Viele nationalistische koreanische Intellektuelle begannen, teils unter Druck, teils aufgrund ihrer eigenen rassistischen, sozialdarwinistischen Weltsicht, die Ansicht zu vertreten, dass die Expansion Japans und die offiziell proklamierte Politik der naisen ittai (內鮮一體 – Japan und Korea als Teile eines Ganzen) ein Weg waren, Koreas eigenen Traum von nationaler Größe und einer welthistorischen Rolle zu verwirklichen.12
Die eigentliche Wehrpflicht wurde erstmals am 1. März 1943 für koreanische Untertanen des japanischen Kaiserreichs durch die japanische Kolonialverwaltung bekanntgegeben und bereits kurz nach der Gründung des nachkolonialen koreanischen Staates am 15. August 1948 erneut in Kraft gesetzt.
Das erste Wehrpflichtgesetz (Byeongyeokbeop), welches am 6. August 1949 verkündet wurde, hielt sich weitgehend an koloniale wie auch kontinentaleuropäische Vorbilder wie Deutschland und Frankreich und unterwarf alle männlichen Bürger unter 40 Jahren der Wehrpflicht.13 Das Regime unter RHEE Syngman ging davon aus, dass der Konflikt mit dem gegnerischen Regime im Norden der Halbinsel bald offen ausbrechen würde. Zudem wollte es die militaristisch-nationalistische Plattform »konsolidieren« und den Unmut der Bevölkerung über die verbreitete Korruption und die soziale und wirtschaftliche Not unterdrücken. Deshalb begann man sehr früh, auch die Schulen zu militarisieren: Am 26. Dezember 1948 wurden regelmäßige militärische Übungen in allen Schulen ab der Mittelschule eingeführt.14 Zu Beginn des Koreakrieges, am 1. Dezember 1951, waren alle männlichen koreanischen Studenten und Gymnasiasten zu Soldaten der »Studentenarmee« (Haksaenggun) erklärt worden, um von Offizieren ausgebildet zu werden.15
Im Gegenzug für die Teilnahme an den Übungen wurde den Schülern und Studenten – die meisten von ihnen kamen aus bessergestellten Familien – Zurückstellung gewährt.16 Unter Kriegsbedingungen war das ein enormes Privileg. Es bedeutete, dass die Sprösslinge der besitzenden Klassen das Recht hatten, sich den Horror der Front zu ersparen. Zugleich wurde hier der ungerechte Charakter der angeblich »allgemeinen« Wehrpflicht deutlich. Das System der Zurückstellung wurde 1958 aufgegeben, aber die Studenten blieben privilegiert, indem sie lediglich 18 Monate Dienst zu leisten hatten, die Hälfte der Dienstzeit aller anderen Wehrpflichtigen.17
Das Privileg, das die zukünftige Bildungselite des Landes mit der Freistellung vom Kriegsdienst genoss, wurde von den dominierenden rechten Zeitungen Dong-A Ilbo und Chosun Ilbo mit der Begründung verteidigt, dass die höhere Bildung ein entscheidendes Element der »nationalen Stärke« sei. Aber viele derjenigen, die nicht davon profitieren konnten, reagierten mit Erbitterung.18 Viele junge Männer, die keinerlei Vertrauen in die Regierung und Angst vor den schlechten Bedingungen und der harten Behandlung in der Armee hatten, taten alles, um der Wehrpflicht zu entgehen. Nach offiziellen Statistiken stand der Zahl von 161.470 erfolgreich Einberufenen zwischen September 1955 und September 1956 eine Zahl von 33.361 Militärdienstentziehern gegenüber,19 was sich im weiteren Verlauf der 50er Jahre nicht wesentlich änderte. Der Staat wurde als ein von außen auferlegtes, räuberisches Gebilde wahrgenommen, die Bürokraten galten als eigennützige Pfründejäger, und der verbreitete Einsatz nackter Gewalt durch den Staat schmälerte in den Augen der Bürger seine Legitimität. Die Wehrpflicht wurde berechtigterweise als »Armendienst« angesehen, der die Armen unverhältnismäßig stark belastete und für die Söhne der Wohlhabenden und Einflussreichen relativ leicht zu umgehen war.
Das änderte sich Mitte der 60er Jahre, als die Regierung unter PARK Chung-Hee, die sich an der Seite der USA im Vietnamkrieg engagierte und bestrebt war, das Land zu militarisieren, um zu verhindern, dass die wachsende Arbeiterklasse »widerspenstig« würde, und um den angestrebten »nationalen Verteidigungsstaat« zu sichern. Sofort nach der Machtübernahme wurde eine nationale Kampagne gegen die Militärdienstentziehung gestartet. In den Jahren 1961 und 1962 wurden zwei »Fristen, sich freiwillig zu stellen« (Jasu gigan) ausgerufen, während derer Militärdienstentzieher die Möglichkeit hatten, sich den Behörden zu stellen und ihren Dienst bei sehr geringer oder ohne Strafe abzuleisten.20 Die Stärkung der Verwaltungsmaschinerie, Furcht einflößende Kampagnen gegen Militärdienstentzieher und ihre korrupten Helfer in offiziellen Positionen, die seit 1968 bestehende Pflicht zum Besitz von Personalausweisen mit Fingerabdruck, in dem der abgeleistete Militärdienst bestätigt wurde21 und weitere Maßnahmen drückten die Zahl der Entziehungen auf unwesentliche 0,1% im Jahr 1974.22 Die Auffassung, dass der Militärdienst ein unvermeidlicher Teil des »normalen« männlichen Lebensweges sei, war von nun an allgemein verbreitet.
Militärisches Training wurde als der Weg gepriesen, ein »richtiger Mann« (Jinjja Sanai) zu werden – auf allen Ebenen der Bildung, in der Massenkultur, in den Medien. Militärdienstentzieher wurden zu nationalen Sündenböcken, sie wurden als unpatriotisch und unmännlich denunziert, da Männlichkeit nun unmittelbar mit dem Willen zur Ableistung des Militärdienstes identifiziert wurde.
Diese konzentrierte militaristische Propaganda, in Verbindung mit der aufgrund des spürbaren wirtschaftlichen Erfolges wachsenden Popularität und Anerkennung des Regimes unter PARK Chung-Hee, scheint eine Art ideologischer Hegemonie für den Wehrpflichtstaat errungen zu haben. Ende der 70er Jahre war die vorher so verbreitete Empörung über die »Fron der Armen« einer breiten Akzeptanz der Wehrpflicht gewichen. Selbst wenn sie ungern und unwillig erfüllt wurde, so wurde sie doch als organischer Bestandteil des »normalen« männlichen Lebenslaufes und als selbstverständliche Pflicht betrachtet, wie das Zahlen von Steuern oder der Abschluss der Grund- und Mittelschule.
Den Militärdienst als Option anzusehen, statt als quasi angeborene Pflicht aller koreanischen Männer gegenüber »ihrem« Staat, und friedliche Alternativen zur Wehrpflicht einzufordern, war gleichbedeutend damit, die Legitimität des Staates und die Grundfesten dessen in Frage zu stellen, was allgemein als »üblich« und »normal« für die Männlichkeit galt. Es überrascht nicht, dass vor diesem institutionellen und diskursiven Hintergrund Kriegsdienstverweigerer in besonderem Maße verfolgt wurden. Studenten, die den Undonggweon (systemkritischen sozialen Bewegungen) angehörten, wurden in den 80er Jahren während ihrer Militärzeit zur Zielscheibe der Indoktrination, als Spione zwangsrekrutiert oder einfach brutal misshandelt und getötet. Dennoch entwickelten die Undonggweon in den 80er und 90er Jahren keine wahrnehmbare Kriegsdienstverweigerungsbewegung. Die einzige Ausnahme war die 1988 von Aktivisten der »Nationalen Befreiung« (Linksnationalisten) geführte Kampagne gegen die Versetzung an die Front. Erst mit der Jahrhundertwende begann sich die Situation zu ändern.23
- 1Samuel Finer, »State and Nation-Building in Europe: The Role of the Military«, – Charles Tilly (Hg.), The Formation of National States in Western Europe, Princeton: Princeton University Press, 1975, S. 84-163.

