Nordkoreas Außenhandel

Stand 2015: Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien und Vorstand des Instituts für Ostasienwissenschaften. Er besucht Nordkorea seit 1991.
Dieser Artikel ist erstmals 2015 in der Printausgabe vom Koreaforum 24 erschienen.

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Außenhandel ist – wie anderswo, und aus naheliegenden Gründen – einer der Schlüsselindikatoren der nordkoreanischen Wirtschaft. Da der nordkoreanische Staat jedoch bekanntlich nur ungern diesbezügliche Zahlen veröffentlicht, sind wir auf externe Quellen angewiesen, um diese Daten zu erhalten. Die südkoreanische Handels- und Investitionsförderungsbehörde (KOTRA) ist eine solche Einrichtung, die seit vielen Jahren Daten über den Handel mit Nordkorea von Pyongyangs Handelspartnern sammelt. Mithilfe dieser Vorgehensweise, die umge- kehrte Statistik genannt wird, ist KOTRA in der Lage, einen der wenigen makroökonomischen Datensätze über Nordkorea herzustellen, der zumindest einen minimalen Grad an Vertrauen verdient, wenngleich es noch immer reichlich Raum für Diskussionen hinsichtlich seiner Vollständigkeit gibt.1 2014 년 북한의 대외무역동향, http://www.globalwindow.org/gw/krpinfo/GWKITR020M. html?BBS_ID=16&MENU_CD=M10403&UPPER_MENU_CD=M10401&MENU_ STEP=2&ARTICLE_ID=5031941&ARTICLE_SE=20346. Ende September 2015 veröffentlichte KOTRA ihren bislang letzten Bericht über Nordkoreas Handel, einschließlich der Zahlen für 2014. 

UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE 

Die bemerkenswerteste Zahl des KOTRA-Berichtes von 2014 über Nordkoreas Handel ist das Handelsvolumen (Exporte/Importe), das 2013 um 3,6 Prozent auf 7,6 Milliarden US-Dollar gewachsen ist, und damit den höchsten Wert seit dem Ende der präferentiellen Handelsabkommen mit dem sozialistischen Block im Jahr 1990 darstellt. (Abb.1) Die Wachstumsrate war kleiner als im Vorjahr, konnte aber trotz des dritten Atomwaffentests im Februar 2013 aufrechterhalten werden. Zum Vergleich: 2009, im Jahr des zweiten Atomwaffentests, fiel Nordkoreas Handel um 10,5 Prozent. 

Ein Graph über Nordkoreas Handelsvolumen zwischen 1990 und 2014
Abb. 1 – Handel Nordkoreas

Während sich das Handelsvolumen insgesamt vergrößerte, sanken Nordkoreas Exporte im Jahr 2014 gegenüber dem Vorjahr um 154 Millionen US-Dollar, von 3,218 Milliarden auf 3,164 Milliarden. Dies kann mit einem Rückgang der Exporte von Anthrazit erklärt werden, die um 261 Millionen US-Dollar von 1,439 Milliarden auf 1,178 Milliarden zurückgingen. Die Ursache für diesen Rückgang könnte auf gesunkene Weltmarktpreise, ein kleineres Produktionsvolumen oder einen höheren einheimischen Kohleverbrauch zurückzuführen sein.2 Siehe, beispielsweise, Benjamin Katzeff Silberstein, »North Korea’s domestic impacts of lower coal prices«, North Korea Economy Watch, 22. September 2015, http://www.nkeconwatch.com/category/energy/coal. Letzteres wäre ein positives Zeichen, da es auf eine erhöhte Wirtschaftstätigkeit in Nordkorea schließen lässt. 

Ein Graph über Nordkoreas Handelsdefizit zwischen 1990 und 2014
Abb. 2: Nordkoreas Handelsdefizit
Ein Graph über Nordkoreas Handelsdefizit im Verhältnis zum gesamten Handelsvolumen zwischen 1990 und 2014
Abb 3. Nordkoreas Handelsdefizit – Anteil vom gesamten Handelsvolumen

Wie jedes Jahr übertrafen Nordkoreas Importe auch 2014 die Exporte bei weitem. Die Differenz beträgt beinahe 1,3 Milliarden US-Dollar. Obwohl dies kein kleiner Betrag ist, zeigt eine nähere Betrachtung der Zahlen, dass das Handelsdefizit auch schon größer war, insbesondere im Jahr 2008. Insgesamt gesehen, ist das Defizit jedoch rückläufig; es erreichte mit rund 17 Prozent im Jahr 2014 den viert tiefsten Prozentsatz seit 1990. (Abb.2+3) 

NORDKOREAS HANDELSDEFIZIT 

Schon die Tatsache, dass Nordkorea ein strukturelles Handelsdefizit dieser Größe aufweisen kann, bleibt seltsam. Das Land hat keine konvertible Währung und verfügt über nahezu keinen legalen Zugang zum internationalen Finanzmarkt. Es hat daher keine Möglichkeit, ein Handelsdefizit mit Fremdkapital zu decken. Dennoch gelingt es Nordkorea offensichtlich, mehr zu kaufen, als es offiziell verkauft. 

Es gibt nur eine mögliche Erklärung für dieses Rätsel: Nordkorea muss neben den von der KOTRA aufgeführten Exporten über weitere Einnahmequellen verfügen. Solche Einnahmen können politisches Kapital sein, das einen wichtigen Handelspartner dazu zwingt, Produkte umsonst zu liefern, oder (was normalerweise der Fall ist) ein langfristiges zinsfreies Darlehen zu gewähren. »Unsichtbare« Einnahmen können auch durch Handel erzielt werden, den Handelspartner gewöhnlich nur widerwillig angeben – zum Beispiel Waffenhandel. Darüber hinaus könnte Gold als Direktzahlung verwendet werden. Ebenfalls gibt es Handelsformen, die zwar Einnahmen generieren, aber in keiner Statistik auftauchen, beispielsweise Schmuggel. Überweisungen oder Geldsendungen stellen eine weitere typische Einnahmequelle dar; Ausländer oder im Ausland lebende und arbeitende nordkoreanische Staatsbürger überweisen Geld zurück in ihre Heimat, welches in das Finanzsystem des Staates fließt. Dies trifft auch auf Gebühren zu, die der Staat erhält, um Arbeitskräfte ins Ausland zu entsenden. 

HANDEL NORDKOREAS MIT CHINA 

Das dritte bemerkenswerte Merkmal des nordkoreanischen Handels ist seine massive Abhängigkeit von China. Dies ist ein relativ neues Phänomen, denn noch vor zehn Jahren machte China weniger als die Hälfte des nordkoreanischen Handels aus. Bis 2002 war Japan Nordkoreas wichtigster Handelspartner. Dies änderte sich jedoch, nachdem der Versuch gescheitert war, den Streit um die Entführung japanischer Staatsbürger während eines Gipfeltreffens zwischen Kim Jong-Il und Koizumi Jun‘ichiro im September 2002 beizulegen. Der Handel mit dem Rest der westlichen Welt wurde durch die im Zuge der zweiten Nuklearkrise im Oktober 2002 erlassenen internationalen Sanktionen stark beeinträchtigt, was im Kontext des US- amerikanischen Antiterrorkriegs nach dem 11. September 2001 zu verstehen ist. Dies hinterließ ein Vakuum für China, das gleichzeitig eine wirtschaftliche Entwicklung seiner bislang vernachlässigten nordöstlichen Provinzen anstrebte. So betrug der Handel mit dem großen Nachbarn im Jahr 2014 nicht weniger als 90,2 Prozent des gesamten nordkoreanischen Handels. Dies markiert einen erneuten Anstieg gegenüber den 89,1 Prozent im Jahr 2013, trotz Medienberichten über eine verschlechterte Beziehung zwischen Peking und Pyongyang infolge des dritten nordkoreanischen Atomwaffentests im Februar, des Todes Jang Song-Thaeks im Dezember und der angeblich schlechten Chemie zwischen dem jungen Führer Kim Jong-Un und Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping. Sowohl die Versuche der nordkoreanischen Führung, den eigenen Handel zu diversifizieren, als auch die zuletzt verbesserte Wirtschaftsbeziehung zu Russland scheinen keine große Wirkung auf Chinas Handelsdominanz gehabt zu haben. Tatsächlich ist das Handelsvolumen mit Russland sogar leicht zurückgegangen, von 104 Millionen US-Dollar im Jahr 2013 auf 92 Millionen US-Dollar im Jahr 2014. 

Ein Graph über Nordkoreas Handel mit China,  2004-2014
Abb 4. Handel Nordkoreas mit China

WO IST DER HANDEL MIT SÜDKOREA? 

Die Auslassung des interkoreanischen Handels ist eine der lobenswerten Merkmale des KOTRA-Berichtes. Dies mag hauptsächlich eine ideologische Entscheidung sein, gemäß der Logik, dass, falls der Handel mit Nordkorea als Außenhandel behandelt würde, dies einer faktischen Anerkennung des Landes als unabhängiger Staat gleichkäme – was Südkorea ablehnt. Unabhängig davon, was die tatsächlichen Gründe sind, ist die Ausklammerung des interkoreanischen Handels wirtschaftlich sinnvoll. Warum? 

Weil seit dem Stopp der interkoreanischen Handelsaktivitäten infolge der südkoreanischen »Maßnahmen vom 24. Mai« der einzige nennenswerte wirtschaftliche Austausch zwischen Nord- und Südkorea heutzutage im Industriekomplex Kaesong (KIC) stattfindet. Südkorea sendet halbfertige Produkte und Rohstoffe an Firmen, die im KIC arbeiten; diese zählen als nordkoreanische »Importe«. Sie werden dann im KIC von 124 südkoreanischen Unternehmen (mithilfe nordkoreanischer Arbeitskräfte) weiterverarbeitet. Die verarbeiteten Waren werden zurück nach Südkorea geschickt und als nordkoreanische »Exporte« registriert. Formal lässt sich eine Handelsaktivität nur schwer abstreiten. In Wahrheit handelt Südkorea jedoch vorwiegend mit sich selbst. Dieses Beispiel erinnert uns daran, vorsichtig mit Zahlen umzugehen, es sei denn, wir wissen, woher sie stammen, da es uns sonst dazu verleiten könnte, zu glauben, die zwei Koreas pflegten einen lebhaften Austausch von verschiedenen lokal produzierten Waren und Dienstleistungen im Bereich von jährlich einer Milliarde US-Dollar, was nicht der Fall ist.3 Kim Tae-Shik, »Inter-Korean Exchange and Cooperation Since May 24 Measures«, Vantage Point, Juni 2015, 10-14. Alles, was geschieht, ist, dass jährlich etwa 100 Millionen US-Dollar vom Süden in den Norden überwiesen werden, in Form von Gehältern für 54.000 weibliche Angestellte im KIC. Allerdings schafft es kein einziges südkoreanisches Produkt auf den nordkoreanischen Markt (zumindest nicht auf diesem Weg) und das gleiche gilt umgekehrt für nordkoreanische Produkte.4 »Kaesong joint complex reaches US$3 bln in accumulated production volume, 11 yrs after opening,« Yonhap, 10. April 2015, http://english.yonhapnews.co.kr/natio nal/2015/10/04/52/0301000000AEN20151004000400315F.html. Dies sollte beachtet werden, wenn man Schlagzeilen liest, wonach der Industriekomplex Kaesong Anfang Oktober 2015 ein kumuliertes Produktionsvolumen von drei Milliarden US-Dollar erreicht hat. 

Ein Graph über Nordkoreas Handel mit China (Anteil vom gesamten Handelsvolumen), 2004-2014
Handel Nordkoreas mit China (Anteil vom gesamten Handelsvolumen)

WESHALB IST DER NORDKOREANISCHE HANDEL RELEVANT? 

Ein Grund, weshalb es wichtig ist, über den nordkoreanischen Handel Bescheid zu wissen, ist, dass er als Indikator für den Wirtschaftszustand des Landes dient – über den wir fast keine anderen zuverlässigen makroökonomischen Daten haben. Ob aus humanitären Gründen oder um herauszufinden, wie empfänglich Pyongyangs Diplomaten für wirtschaftliche Anreize sein könnten, müssen wir den Puls der Wirtschaft fühlen können. 

Man sollte nicht vergessen, dass die nordkoreanische Hungersnot Mitte der 1990er-Jahre vom Zusammenbruch einer Außenhandelsstruktur begleitet, oder gar ausgelöst wurde, die auf den politisch motivierten Austausch mit Verbündeten des sogenannten sozialistischen Blocks ausgerichtet war. Der gesamte Handel fiel von rund 4,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 1990 auf 2,6 Milliarden nur ein Jahr später und nahm weiter ab, bis er 1998 mit bloß 1,4 Milliarden den Tiefpunkt erreichte (Abb. 1). Importe von Düngemitteln und Brennstoff kamen Anfang der 1990er-Jahre beinahe zum erliegen, Strom wurde noch knapper. Die Kombination von unzulänglichen kritischen Inputs für die landwirtschaftliche Produktion, zwei aufeinanderfolgenden Naturkatastrophen und der typischen geringen Effizienz der staatssozialistischen Landwirtschaft führte zu einem plötzlichen Rückgang der Erträge. Der Mangel an Hartwährung oder die fehlende Bereitschaft der Führung, das Wenige, was vorhanden war, für diesen Zweck zu verwenden, bedeutete, dass keine Nahrungsmittel importiert werden würden. Die resultierende Hungersnot kostete unzählige Menschenleben. 

Eine Wiederholung einer solchen Katastrophe wäre verheerend und muss folglich unter allen Umständen verhindert werden. Dazu kommt, dass, neben der menschlichen Dimension, Nordkorea mittlerweile ein Staat ausgerüstet mit Atomwaffen von einer unbekannten Qualität und Quantität ist. In Anbetracht der gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte und der neuen Führung ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine weitere große Hungerkrise die innenpolitische Stabilität unberührt lassen würde. Angesichts der Schwierigkeiten, die tatsächliche makroökonomische Situation mittels üblicher Verfahren einzuschätzen, könnte der Handel als ein früher Warnindikator für eine sich verschlechternde Wirtschaft und eine sich potenziell vervielfachende Sicherheitsbedrohung dienen. 

Ferner sagt uns der Handel etwas über die Wirksamkeit von Sanktionen.5 Für eine umfassendere Diskussion über die nordkoreanischen Sanktionen, siehe Rüdiger Frank, »The Political Economy of Sanctions Against North Korea«, Asian Perspective, Vol 30, No. 3 (Herbst, 2006) 5-36, auch unter http://japanfocus.org/ data/frank.sanctions.pdf. Wenn ein Land, das fortlaufenden und sogar zunehmenden Einschränkungen seiner externen Wirtschaftsbeziehungen unterliegt, trotzdem ein wachsendes Handelsvolumen vorweisen kann, dann funktionieren die auferlegten Sanktionen offensichtlich nicht wie beabsichtigt und müssen neu durchdacht werden. Um mit etwas Erfreulicherem abzuschließen, deutet wachsender Handel nicht zuletzt auf eine erhöhte Wirtschaftsaktivität hin. Dies umfasst mehr zwischenmenschlichen Austausch, mehr Learning by Doing, mehr Tagesgeschäfte, vielleicht mehr Korruption und sicherlich mehr Kaufkraft auf den Märkten.6 Für eine Satellitenanalyse der Marktexpansion, siehe Benjamin Katzeff Silberstein, »Growth and Geography of Markets in North Korea«, US-Korea Institute at SAIS, Oktober 2015, http://uskoreainstitute.org/wp-content/uploads/2015/10/USKI-New- Voices-BKS-Markets-Oct2015.pdf. Letztere haben es weit gebracht von gelegentlichen Zusammenkünften behelfsmäßiger Verkaufsstände an einem verstaubten Ort an irgendeiner Straßenkreuzung. Einige von ihnen scheinen professioneller und dauerhafter geworden zu sein, wie ich während meines letzten Besuchs in Rason im September 2015 feststellen konnte. Der dortige alte Markt ist inzwischen vom typischen Schuppen mit blauem Aluminiumdach in einen Komplex mit modernen, zweistöckigen Gebäuden samt Parkplatz und großen, hell beleuchteten Schaufenstern gezogen. Selbstredend stammen die meisten zum Verkauf stehenden Produkte aus China.

  • 1
    2014 년 북한의 대외무역동향, http://www.globalwindow.org/gw/krpinfo/GWKITR020M. html?BBS_ID=16&MENU_CD=M10403&UPPER_MENU_CD=M10401&MENU_ STEP=2&ARTICLE_ID=5031941&ARTICLE_SE=20346.
  • 2
    Siehe, beispielsweise, Benjamin Katzeff Silberstein, »North Korea’s domestic impacts of lower coal prices«, North Korea Economy Watch, 22. September 2015, http://www.nkeconwatch.com/category/energy/coal.
  • 3
    Kim Tae-Shik, »Inter-Korean Exchange and Cooperation Since May 24 Measures«, Vantage Point, Juni 2015, 10-14.
  • 4
    »Kaesong joint complex reaches US$3 bln in accumulated production volume, 11 yrs after opening,« Yonhap, 10. April 2015, http://english.yonhapnews.co.kr/natio nal/2015/10/04/52/0301000000AEN20151004000400315F.html.
  • 5
    Für eine umfassendere Diskussion über die nordkoreanischen Sanktionen, siehe Rüdiger Frank, »The Political Economy of Sanctions Against North Korea«, Asian Perspective, Vol 30, No. 3 (Herbst, 2006) 5-36, auch unter http://japanfocus.org/ data/frank.sanctions.pdf.
  • 6
    Für eine Satellitenanalyse der Marktexpansion, siehe Benjamin Katzeff Silberstein, »Growth and Geography of Markets in North Korea«, US-Korea Institute at SAIS, Oktober 2015, http://uskoreainstitute.org/wp-content/uploads/2015/10/USKI-New- Voices-BKS-Markets-Oct2015.pdf.