Südkoreas 300-Tage-Sitzstreik in der Luft. Prekäre Arbeiter*innen in Korea und den Philippinen und ihre Arbeitskämpfe

(Stand 2012) Tammy Ko Robinson ist Professorin an der Hanyang-Universität, wo sie am Institut für Angewandte Kunsterziehung lehrt. Die Wissenschaftlerin und Künstlerin Robinson schreibt auch regelmäßig für die südkoreanische Zeitung »The Hankyoreh«. Der hier erschienene Artikel ist eine gekürzte Fassung des im Original auf Englisch erschienenen Artikels »South Korea’s 300 Day Aerial Sit-in Strike Highlights Plight of Precarious Workers in Korea and the Philippines«, der im Asia-Pacific Journal am 7. November 2011 erschienen ist. Für den Originalartikel, siehe http://www.japanfocus.org/-tammy_ko-Robinson/3644.
Dieser Artikel ist erstmals 2012 in der Printausgabe vom Koreaforum 21 erschienen.

Im November 2011 stieg die Aktivistin KIM Jin-Sook vom Kran 85 auf der Hanjin-Werft in Busan. 309 Tage hatte sie diesen besetzt gehalten und damit den streikenden Arbeiter*innen zum Erfolg im Kampf um ihre Arbeitsplätze verholfen. Tammy Ko Robinson gibt Einblicke in die sogenannte »Hoffnungsbus«-Bewegung und führt uns von Südkorea in die Philippinen, wo sie die schwierigen Arbeitsumstände von zumeist prekären Arbeiter*innen auf den Hanjin- Werften beleuchtet.

WACHSENDE UNTERSTÜTZUNG FÜR KIM JIN-SOOK 

Von der Spitze des Krans Nummer 85 aus, 35 Meter über dem Werftgelände von »Hanjin Heavy Industries and Construction« (HHIC) schwebend, protestierte Frau KIM Jin-Sook gegen die Bekanntmachung eines geplanten Stellenabbaus der Firma am 15. Dezember 2010. Am Boden erhielt sie dabei Unterstützung von der koreanischen Metallarbeitergewerkschaft. 

Nicht lange nachdem HHIC seine Arbeiter kündigte, erhielten die Aktionäre der Firma Dividenden in Höhe von 17,4 Milliarden Won – mehr als das Dreifache des jährlichen Einkommens jener 170 gekündigten Arbeiter, die sich weigerten, ihre Kündigung anzunehmen. In der Vergangenheit hat HHIC Profite im Wert von 430 Milliarden Won erzielt und für 15 Milliarden Won Anteile an einer anderen Firma gekauft. Während des Streiks im Januar 2011 entließ das Management Berichten zufolge dennoch 290 Fabrikarbeiter. 

Am 9. Juli 2011 kamen 175 »Hoffnungsbusse« und 50 Kleintransporter in Busans zentralem Busbahnhof an – eine Zahl, die den Tagen entsprach, die Frau KIM bereits auf dem Kran Nummer 85 verbracht hatte. Etwa 12.000 Personen aus ganz Südkorea waren an Bord, darunter Menschen aus Gwangju, Pyeongtaek, Daegu, Suwon und Seoul. Obwohl die Mitfahrer*innen der »Hoffnungsbusse« unterwegs von 2.000 Polizisten abgefangen wurden, die die letzten 700 Meter zur Yeongdo-Werft mit einer provisorischen Absperrung und einer Mischung aus Tränengas und Pfefferspray blockierten, blieben dennoch beinahe 3.000 der »Hoffnungsbus«-Teilnehmer*innen während der Nacht und durch den strömenden Monsun-Regen hindurch standhaft in ihrem Entschluss, als Zeug*Innen von Frau KIMs Kampf aufzutreten. Zum Vergleich: Die erste Karawane der »Hoffnungsbusse«, die am 158. Tag des HHIC-Kampfes veranstaltet wurde, setzte sich noch aus etwa 750 Teilnehmer*innen zusammen, der sich dann annähernd 7.000 demonstrierende Arbeiter*innen und Anwohner*innen anschlossen. 

Am 30. Juli stieg dann die Zahl der Teilnehmer während der dritten »Hoffnungsbus«-Karawane auf 15.000 Personen an. Religiöse Führer von protestantischen Kirchen, buddhistischen Orden und katholischen Diözesen aus ganz Südkorea, Presse-Angehörige, Universitätsprofessor*innen, Anwält*innen und führende Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft schlossen sich der Karawane an, um eine faire Lösung zu fordern. Beobachter*innen hoben besonders hervor, dass eine immer größer werdende Zahl von Nicht-Gewerkschafter*innen sich dazu bereit zeigte, ihre Zeit und die 30.000 Won für das Busticket (Hin- und Rückfahrt) aufzuwenden, um KIM Jin-Sook zu unterstützen. 

Am 27. und 28. August fuhr eine vierte »Hoffnungsbus«-Karawane in Richtung des Seouler Hauptquartiers von »Hanjin Heavy Industries and Construction«, sowie in Richtung Seouler Innenstadt zum Gwanghwamun-Platz. 

Die 5.000 Personen, die sowohl die Wiedereinstellung der gekündigten HHIC-Arbeiter forderten, als auch die Umwandlung von Zeitarbeitern in reguläre Arbeiter unterstützten, sahen sich einer Aufstellung von 9.000 Seouler Polizisten gegenüber. Im September und Oktober wiederum variierten die Orte, an denen Solidaritätsveranstaltungen stattfanden – Unterstützungserklärungen kamen etwa von den Teilnehmer*innen der Begräbnisprozession für Frau LEE So-Seon, der Mutter von Südkoreas bekanntestem Arbeitskämpfer CHUN Tae-il. Ihr Sohn war ein Arbeiter in der Bekleidungsindustrie gewesen, dessen Selbstverbrennung im Jahr 1970 – ein Protestakt gegen die Arbeitsbedingungen in den koreanischen Sweatshops – landesweite Proteste hervorrief und ihn posthum zum Nationalhelden werden ließ. Andere Unterstützungserklärungen kamen von einer Gruppe von 1.543 südkoreanischen Filmarbeiter*innen, die sich – auf ihrem Weg zum Busan International Film Festival (Asiens größtem Filmtreffpunkt) – zum »Hoffnungsbus« erklärten. Und am 8. Oktober um 21.30 Uhr nach östlicher Zeit sprach schließlich KIM Jin-Sook bei der Generalversammlung von »Occupy Wall Street« (OWS), wo sie ihre »Freunde, die in der Wall Street, im Herzen des Neoliberalismus, kämpfen« per Mobiltelefon und »Human Mic« erreichte – sie informierte die Anwesenden über die HHIC- Situation und stellte fest: »Wir kämpfen denselben Kampf.« 

Gewerkschafter*innen streichen besonders einen Faktor heraus, der zur wachsenden Popularität von KIM Jin-Sook geführt haben mag: Die kollektive Erinnerung an den Selbstmord von Hanjin-Gewerkschaftsführer KIM Ju-Ik während eines Streiks im Jahr 2003 gegen die Kündigung von 650 Arbeitern, währenddessen er sich auf demselben Kran Nummer 85 befand; sowie der Tod des inhaftierten Hanjin-Gewerkschaftspräsidenten PARK Chang-Su im Jahr 1991. Mit ihren 51 Jahren genießt KIM Jin-Sook ein langjähriges Ansehen, das auf ihre Dienstperiode als geschulte Schweißerin zurückzuführen ist, die sie antrat, nachdem sie im Jahr 1981 vom Trainingsinstitut für Frauen der Korea-Schiffbau- und Ingenieursgesellschaft graduierte. Das führte schließlich zu ihrer Wahl als erste Repräsentantin der Schiffsfahrtsgewerkschaft im Jahr 1986. Ihre Ausdauer als Arbeitsrechtsaktivistin während der vergangenen drei Jahrzehnte hat viele inspiriert – unter anderem auch den verstorbenen KIM Ju-Ik. 

Weitere Hinweise auf die Gründe für die wachsende Unterstützung von KIM Jin-Sook und den HHIC-Arbeiter*innen lassen sich in den Untersuchungen von Arbeitsforscher*innen wie etwa Hwasook Bergquist NAM finden, einem Professor an der University of Washington, der KIM Jin-Sooks außergewöhnlichen Beitrag zur Arbeitsgeschichte Südkoreas dokumentiert hat. Diese Forscher*innen platzieren Frau KIM in den Kontext einer sich stetig wandelnden geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Seit den 1980ern wurde etwa in Frage gestellt, dass das gewerkschaftliche Organisieren stets auf den Forderungen von Männern basierte, die als Familienoberhäupter ein Gehalt verlangten, was ihnen erlaubte, eine Familie zu ernähren. In der Tat ist KIM Jin-Sook während des letzten Jahrzehnts zu einer Heldin für irreguläre Arbeiter*innen geworden, von denen ein Großteil Frauen sind. Die thematisch organisierten »Hoffnungsbusse« geben einen Hinweis darauf, dass Solidarität auch auf verschiedene Arbeiterfraktionen übergreifen konnte, die sich eigentlich entlang regionaler Trennlinien, spezieller Interessen und ihrer jeweiligen Kundschaft aufsplitten (wie zum Beispiel jene mit Interesse an Themen wie Menschenrechte, Behinderung, LGBT, Zivilgesellschaft). Sie fanden sich aber dann doch unter dem Motto »Für eine Welt ohne fristlose Kündigung und prekäre Arbeit« zusammen. Öffentliche Demonstrationen in dieser Größe und Vielfalt, die von interregionaler und sektorenübergreifender Beteiligung gekennzeichnet sind, wurden seit den Kerzenschein-Mahnwachen im Sommer 2008 nicht mehr gesehen, die damals auf beinahe 100.000 Teilnehmer*innen in Südkoreas größten Metropolen anwuchsen. 

HHIC IN DEN PHILIPPINEN 

Angesichts (oder vielleicht trotz) dieser Hindernisse gegen die Solidarität, die von intraregionalen Differenzen herrühren, initiierten die Arbeiter einer Hanjin-Anlage in den Philippinen am 3. Juli eine vergleichbare »Karawane für anständige Arbeit und menschliche Arbeitsbedingungen«, wobei 50 Fahrzeuge sowohl zur südkoreanischen Botschaft als auch zum Hanjin National Office in Fort Bonifacio fuhren. Berichte von Teilnehmer*innen der südkoreanischen Delegation, die zu diesen »Hoffnungskarawanen« in die Philippinen fuhr und sich zusammensetzte aus KIM Kyung-Choon, einem entlassenen HHIC Busan-Arbeiter, und CHONG Hye-Won von der koreanischen Metallarbeitergewerkschaft, erzählen von ähnlichen Bedenken über Arbeitsplatzsicherheit und anderen Arbeitsrechtsbrüchen in den verschiedensten Betrieben in den Philippinen. 

Laut dem »Migration, Gender und Kampagnen«-Direktor LEE Jin- Sook von »Building und Woodworkers International« (BWI) – der früher die Rolle innehatte, ein Baugewerbe-Netzwerk unter der Einbindung von Hanjin-Arbeitern zu organisieren – lässt sich die Solidarität mit Tochtergesellschaften wie der »National Union of Building and Construction Workers« (NUBCW) noch vor der offiziellen Lancierung am 6. Juli 2008 von »HHIC Philippines Workers’ Union« (HHICPIWU) feststellen. LEE stellt Bemühungen um eine bilaterale Kampagne zwischen HHIC Südkorea und den Philippinen fest, die bis ins Jahr 2003 zurückreichen und quer durch die Schiffbau- und Baugewerbesektoren gingen. LEE sagt dazu: »Während Firmen sich wandeln und in verschiedenen Sektoren tätig werden, ist diese Initiative ein gutes Beispiel für die Art von multisektoralen, multinationalen Gewerkschaftsinitiativen, die wir in Zukunft brauchen werden.« 

Im September besuchten Abgesandte von HHICPIWU und NUB- CW Südkorea, um an BWIs regionaler Konferenz teilzunehmen. Zusätzlich zu den Punkten, die von HHIC Busan-Arbeitern vorgebracht wurden, führten diese Teilnehmende im Detail die Unterschiede aus, die im Bereich der Arbeitsplatzkonditionen und jeweiligen Regierungsantworten auf diese bestünden. Sie stimmten außerdem den Forschungsergebnissen der Arbeitergruppe »Partidong Mangga- gawa« zu, die von 5.000 Unfällen und mindestens 31 Todesfällen berichtete, die wegen der schlechten Arbeitsbedingungen seit der Inbetriebnahme von Hanjin-Geschäften in den Philippinen im Jahr 2006 vorgekommen sind. In der Nacht vor der dritten »Hoffnungsbus«- Karawane wurde auch ein arbeitsbedingter Tod eines Arbeiters im Subic-Bay-Werk bekannt. HHICPIWU sagt, es habe durchschnittlich fünf Unfälle pro Monat im Jahr 2011 gegeben. Ein Beispielbericht beinhaltete Fälle von gebrochenen Fingern und Gliedern, schwere Verbrennungen und gelegentliche Krankheitsausbrüche. Sie verlangen deshalb den Bau und die entsprechende Personalbesetzung eines 190-Betten-Spitals innerhalb der Anlage – wie dies auch vom Arbeitskomitee-Vorsitzenden des philippinischen Senats nach einem Besuch im Februar 2009 vorgeschlagen worden war. 

Die Lage der HHIC-Arbeiter erregt sowohl in Südkorea und den Philippinen als auch auf internationaler Ebene immer mehr Aufsehen, da sie die Frage aufwirft, ob denn Südkorea wirklich ein guter Ort sei, um Geschäfte zu machen, oder ob nicht generell das Verhalten von südkoreanischen multinationalen Firmen in Frage zu stellen ist. CHONG Hye-Won vom KMWU bestätigt, dass Protestbriefe aus beinahe 70 Ländern – von Algerien bis Simbabwe – eingetroffen seien. Unter anderem kamen Unterstützungsbriefe aus Australien, Brasilien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Japan, Italien, Indien, Norwegen, Pakistan und Südafrika. Während des Sommers führte die in den USA beheimatete »American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations« die Ereignisse bei Hanjin als ein Beispiel in einem von ihnen gestellten Antrag an, in dem sie verlangten, dass das vorgeschlagene Freihandelsabkommen mit Südkorea solange außer Acht gelassen werden sollte, so lange Südkorea nicht die Grundrechte der südkoreanischen Arbeiter*innen auf Versammlungsfreiheit und das Recht auf kollektive Verhandlungen respektiere. Einige nannten den zunehmenden Fokus auf HHIC, zusammen mit den Protesten rund um den Bau eines Marinestützpunkts auf der Insel Jeju, als die größten Probleme, mit der LEE Myung-bak und seine Regierungskoalition zu kämpfen hätten. 

DIE SITUATION BEI HHIC ZEIGT ARBEITSTRENDS IN DER ASIATISCHEN REGION AUF: 

Von den 20.000 Arbeitern, die bei HHIC Philippines beschäftigt sind – eine Zahl, die sich im Jahr 2012 noch auf 25.000 erhöhen soll – ist eine Mehrheit bei 101 Subunternehmen angestellt. Tochterorganisationen von BWI, die etwa in den Philippinen, Kambodscha, Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand und Osttimor angesiedelt sind, haben ihre Bedenken darüber zum Ausdruck gebracht, wie Kapitalbewegungen, Technologietransfers und die Restrukturierung von Arbeitsverhältnissen, die ungeschützte Angestellte erzeugen, durch trilaterale Abkommen beeinflusst werden. Der Präsident der landesweiten Gewerkschaft der Bauwirtschaftsarbeiter in den Philippinen, Ernesto Arellano, sagte etwa in Bezug auf den HHIC-Fall: »Nur 19 dieser 101 Subunternehmen sind legal beim philippinischen Ministerium für Arbeit und Anstellung registriert.« Arellano fügte weiter hinzu: »Laut unserer Untersuchung hat keine dieser registrierten 19 Subunternehmen genug Kapital oder schwere Gerätschaft, um die Bandbreite der Arbeit auszuführen, für die sie beim Ministerium registriert sind.« Diese Untersuchung stellte zudem fest, dass Hanjin die Subunternehmen mit Kapital, Maschinen, Material und Gebäuden ausstattet und dass sie außerdem die Aktionäre kontrolliert. Außerdem wurde festgehalten, dass die Arbeiter, die die Montage durchführen, in den ganzen Philippinen vom HHIC Management rekrutiert und in Südkorea geschult werden. Sowohl Arellano als auch CHONG behaupten, dass HHICs Diagnose von den »überflüssigen Arbeitern« eine Fehldarstellung sei, da doch Schätzungen davon ausgehen, dass eine Aufstockung der Belegschaft von HHIC Philippines um 5.000 Personen notwendig sein wird – und das, während HHIC Südkorea gleichzeitig versucht, seine Belegschaft umzustrukturieren oder aufzulösen und während sich auch die Bedingungen für gesicherte Arbeit in beiden Ländern zusehends verschlechtern. 

Unter denen, die sich mit den HHIC-Arbeitern solidarisch gezeigt haben, sind auch Arbeitsmigrant*innen in Südkorea sowie koreanische Arbeiter*innen, die in Übersee beschäftigt sind. Südkorea hat momentan mit 15 Ländern Verträge, die Arbeitsmigrant*innen entsenden und an »Employment Permit System« (EPS) teilnehmen. Während Südkoreas Verfahrensweise ausländischen Arbeitskräften gegenüber im Vergleich zu China oder den USA Lob erhalten hat, haben Gewerkschaften wie die »Korean Federation of Construction Industry Trade Unions« (KFCITU) und die »Migrant Trade Workers’ Union« (MTU), sowie global agierende Gewerkschaften wie BWI immer stärker ihre Sorge um die Rechte von Arbeitsmigrant*innen zum Ausdruck gebracht, die oftmals aus den firmeneigenen Gewerkschaften in der Asien-Pazifik-Region ausgeschlossen sind. 

LEE Jin-Sook (BWI) meinte in Bezug auf die globalen Prioritäten der Gewerkschaft und auch auf ihr regionales Projekt zum Thema Migration: »Die Wirklichkeit unseres Sektors ist die, dass Belegschaften zunehmend migrantisch werden und dass Arbeit zugleich zeitlich immer begrenzter wird. Wir arbeiten mit unseren Partnern nicht nur daran, dass die Rechte von Arbeitsmigrant*innen anerkannt werden, sondern wir versuchen auch Grundsätze zu entwickeln, wie migrantische Arbeiter*innen in Gewerkschaftsstrukturen organisiert werden können.« LEE erläutert weiter: »Das ist in manchen Ländern einfacher als in anderen, wo bisher die Priorität oft nur darauf lag, die nationalen Arbeiter*innen zu organisieren. Aber wo sich Arbeitssektoren so drastisch verändert haben, dass in manchen Ländern vierzig Prozent der Arbeiter*innen auf Baustellen Migrant*innen sind, ist es wichtig für Gewerkschaften, pro-migrantische Arbeiterstrategien zu entwickeln und sich um die Einbindung von migrantischen Arbeitsrechten in Kollektivverhandlungsverträge zu bemühen, so dass Löhne und Arbeitsbedingungen für migrantische und nationale Arbeiter*innen dieselben sind.« 

Der jüngste »work-out«-Fall, der von BWI, KFCITU und MTU unterstützt wurde und der Anlass zur Sorge gab, dreht sich um Arbeitsmigrant*innen aus Vietnam, die für »Taehung Construction« arbeiteten – einem Subunternehmen von »Hyundai Construction«, das eine Containerverladestelle in Incheon, Südkorea bauen sollte. Aus Vietnam kommen 25 Prozent der Gesamtanzahl von Arbeitsmigrant*innen in Südkorea und das Land nimmt seit sechs Jahren an Südkoreas EPS-Programm teil. Die Seite der Anklage behauptet nun, dass die Arbeiter*innen von »Taehung Construction« in einen illegalen Streik traten, was die Veranstaltenden jedoch einen »work-out« nannten, währenddessen sie drei Gratismahlzeiten, die Durchsetzung von minimalen Essens- und Pausenzeiten sowie von freien Wochenenden verlangten – alles Forderungen, die bereits in ihren Arbeitsverträgen festgelegt waren. Die Arbeitsmigrant*innen im Fall »Taehung« behaupten weiter, dass sie und ihre Genoss*innen in Subic (in den Philippinen), im Vergleich zu ihren (koreanischen) Kolleg*innen – die 100.000 Won pro Tag für eine 8-Stunden-Schicht erhalten – nur geschätzte 38.000 Won für eine 12-Stunden-Schicht bekommen (basierend auf einem Mindeststundenlohn von 4.110 Won, multipliziert mit acht Stunden). Außerdem seien sie manchmal aufgefordert worden, zwei oder drei Schichten hintereinander zu arbeiten, obwohl sie einen Vertrag haben, der eine Arbeitswoche von Montag bis Freitag festlegt. Mit der Unterstützung der Gewerkschaften und indem sie Taehungs Verletzung der südkoreanischen Arbeitsrichtlinien benennen, kämpfen die Arbeiter*innen gegen die Anschuldigung, sie hätten den Geschäftsbetrieb aufgehalten und durch die zwei Arbeitsniederlegungen zur Gewalt aufgerufen. 

Während einer Demonstration von irregulären Arbeiter*innen am 22. Oktober 2011 wurden viele Fälle zur Sprache gebracht, in denen Firmen ihre rechtlichen Verpflichtungen Vertragsarbeitern gegenüber außer Acht gelassen haben. Vor Gewerkschaftern der MTU und STU (Seongseo Industrial Complex Union in Daegu) und mehreren anderen Gruppen sprach MTU-Präsident Michel Catuira von den Schwierigkeiten, »eine Arbeitsvision« umzusetzen, die auf einer Analyse der Hindernisse aufbaut, der sich die etwa 400.000 bis 600.000 Arbeitsmigrant*innen stellen müssen, die in Südkorea angestellt sind. Die meiste Arbeit, die geleistet wird, zeichnet sich dadurch aus, dass sie »dreckig, gefährlich und erniedrigend« sowie zeitlich begrenzt ist. Ein relevantes Gesetz, das es Arbeitsmigrant*innen erlaubt, einmal ihren Arbeitsvertrag zu erneuern – vorausgesetzt, dass sie beim selben Arbeitgeber bleiben – wird derzeit im Nationalrat geprüft. Von MTUs Warte aus ist das Gesetz zwar ein Signal in die richtige Richtung, doch Schwierigkeiten mit dem EPS- System beim Anerkennen von Arbeitsplatzwechselforderungen und ein genereller Mangel an Kontrolle von Arbeitsbedingungen und der Einhaltung des industriellen Sicherheits- und Gesundheitsgesetzes bleiben weiterhin Gründe zur Sorge. Andere stimmen mit solchen Bedenken überein und schlagen vor, dass ein wichtiger Bereich für Reformen die Klauseln der Arbeitsrichtlinien (»Labor Standard Act«) sei, die nicht für Arbeiter*innen in der Landwirtschaft oder Fischfangindustrie gelten. 

TROTZ DER ANKÜNDIGUNG VON MINDESTLOHNANHEBUNGEN HÄUFEN SICH DIE BEDENKEN ZU PREKÄREN ARBEITSVERHÄLTNISSEN 

Einiges deutet auf eine Verschlechterung von Wirtschafts- und Arbeitsbedingungen in Südkorea hin, während ein sich zunehmend verschlechternder Arbeitsmarkt kollidiert mit immer stärker ausgeprägten Ungleichheiten in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und Wohnen. Südkorea ist Asiens viertgrößte Wirtschaft und die obersten 20 Prozent der Verdienenden nehmen beinahe drei Viertel der gesamten Gehälter für sich in Anspruch, die gemeldet werden. Angesichts dessen kündigte der »Mindestlohn-Rat« eine Erhöhung über den Sommer von 260 Won an, was einen Mindestlohn von 4.580 Won pro Stunde ausmacht. 

Die »Mindestlohn-Allianz«, in der sowohl KCTU und die »Federation of Korean Trade Unions« (KFTU) vertreten sind, ließ verlautbaren: »Der [neue] Mindestlohn scheitert daran, die Realität zu berücksichtigen, der schlecht bezahlte Arbeiter*innen entgegen sehen müssen.« Weiter wurde argumentiert, dass der neue Mindestlohn nicht ausreichend ist, da er als obere Grenze von Löhnen für prekäre Arbeiter*innen hergenommen werden wird, die oft nur die Hälfte dessen erhalten, was reguläre Arbeiter bekommen. Deshalb fordern sie eine Erhöhung auf 5.410 Won, was mehr dem Durchschnittslohn aller Arbeiter*innen entspricht. 

In der Zwischenzeit hat die Regierung einen Bericht veröffentlicht, der besagt, dass die Arbeitslosenquote von Menschen im Alter zwischen 15 und 29 im Sommer 7,6 Prozent betrug, wobei im Vorjahr noch 8,3 Prozent arbeitslos gewesen seien. Einige Experten meinen jedoch, dass diese Zahlen nicht nur den Schwund der Mittelklasse verschleierten, sondern auch einige Unausgeglichenheiten verdecken würden, die allerdings besonders wichtig seien, um prekäre Arbeit zu verstehen und auch um zu analysieren, warum so viele junge Arbeiter*innen und Mütter zu »Hoffnungsbus«-Teilnehmer*innen geworden sind. Laut Forschungen von Professor Kalleberg beinhalten diese Diskrepanzen: Überqualifizierung, wenn Menschen in Jobs arbeiten, die ihnen nicht genügend Gehalt bieten, um ihre Bedürfnisse und die ihrer Familien zu befriedigen; Arbeit-Familie-Diskrepanzen, die dazu führen, dass Menschen nicht genügend Jobflexibilität haben, um sich um ihre Familie kümmern zu können; und Unterforderung, wenn Menschen nicht genügend Stunden arbeiten können, um ausreichend Geld für die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse zu verdienen. Kalleberg führt aus: »Prekäre und verletzbare Arbeiter sind insbesondere angreifbar für solche Einkommens- und Arbeit- Familie-Diskrepanzen.« 

Diese Beobachtungen kommen zu einem interessanten Zeitpunkt: Jüngste Berichte machen die Runde, die die Auswirkungen von steigenden Zahlen von asiatischen Frauen in Japan, Taiwan, Thailand und Südkorea beschreiben, die sich gegen eine Heirat entscheiden, sowie die steigenden Scheidungsraten in der Region in Betracht ziehen. Professor Jennifer Jihye CHUN kombiniert diese Einsichten, um eine Analyse der geschlechtsspezifischen Arbeitssituationen in Südkorea vorzunehmen: »Trotz der männlichen Ernährer-Ideologie, die kulturell von den Entscheidungsträgern innerhalb der südkoreanischen Regierung geteilt wird – und sogar auch unter den betroffenen weiblichen Arbeiterinnen weit verbreitet ist – sind Frauen dennoch in vielen Fällen die Hauptverdienerinnen und Haushaltsvorstände, wobei sie dennoch der größten Geschlechterkluft in Bezug auf Gehälter innerhalb der OECD ausgesetzt sind.« Zusammen mit den Versuchen der HHIC-«Hoffnungsbus«-Teilnehmer*innen, das Los der prekären Arbeiter*innen ins Rampenlicht zu rücken, suggeriert dies auch die Notwendigkeit, nicht-traditionelle, versteckte und verschwindende Formen von Arbeit genauer zu betrachten. Auch die bereits genannten Diskrepanzen müssen wieder aufgedeckt werden, die erst unsichtbar gemacht wurden durch ein zu großes Vertrauen auf Arbeitslosenstatistiken, durch herkömmliche Wachstumsmodelle, die die Arbeitslosenzahlen verkleinern sollen, sowie durch die Einschränkung der Gewerkschaften. 

Aus dem Englischen von Elisabeth Schober 

ANMERKUNG DER REDAKTION:
Im Dezember 2012, kurz nach der Präsidentschaftswahl tötete sich der Gewerkschafter CHOI Gang-Seo selbst, weil er von Hanjin gekündigt wurde. Hanjin hat daraufhin eine Klage von ca. 11 Millionen Euro an die Metallgewerkschaft als Entschädigung für den Streik zurückgezogen. – Vgl. world.kbs. co.kr/german vom 23.02.2013