Suizid von jungen Sängerinnen

Stand 2021: Kim Hyun-Gyung ist Research Professorin am Institut für Koreastudien an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind feministische Kulturwissenschaften, Unterhaltungsindustrie und Arbeitssubjektivität. Sie lehrt und schreibt zur Gender- und Sexualpolitik in den südkoreanischen Dramen und der Mobilisierung von Sexualität und Körper in der Zeit des Kalten Krieges in Ostasien.
Dieser Artikel ist erstmals 2021 in der Printausgabe vom Koreaforum 28 erschienen.

K-Pop wird oft mit einem bunten, glänzenden Bild assoziiert, in dem viele junge und hübsche Sänger*innen makellose Shows präsentieren. Doch der Schein trügt: Die hochentwickelte Unterhaltungsindustrie wie auch deren Konsumierende haben eine gefährliche frauenverachtende Haltung entwickelt. Diese Misogynie besonders im Showbusiness zwingt Frauen zu zwei sich widersprechenden Rollen: Einerseits in eine übermäßige Sexualisierung, andererseits in die Nicht-Sexualisierbarkeit. Sulli und Goo Hara, zwei bekannte weibliche K-Pop-Stars, litten auch unter diesem Zwang. Sulli hat sich in der Öffentlichkeit als Feministin positioniert und Goo Hara kämpfte gegen Dating violence duch ihren Ex-Freund vor Gericht. Als beide sich das Leben nahmen, herrschte in den sozialen Netzwerken eine kollektive Trauer unter den Frauen, die mit ihnen sympathisieren. Die feministische Kulturwissenschaftlerin Kim Hyun-Gyung analysiert misogyne Mechanismen in der südkoreanischen Unterhaltungsindustrie, insbesondere in Hinblick auf die Frage, wie man sich an diese jungen Sängerinnen erinnern kann.


  1. Idols 

Am 24. November 2019 berichtete die Deutsche Welle über den Suizid von Goo Hara, ehemaliges Mitglied der K-Pop- Girlgroup Kara, die später als Solo-Sängerin und Schauspielerin tätig war. In dem Artikel wurde auch der Selbstmord von Sulli erwähnt, die sich einen Monat zuvor, am 14. Oktober, das Leben genommen hatte. Sie war eine Freundin von Goo Hara und ein ehemaliges Mitglied der K-Pop-Girlgroup f(x). Nach ihrem Austritt aus der Gruppe hatte sie als Schauspielerin gearbeitet. Auch andere führende westliche Medien berichteten über die Selbstmorde der südkoreanischen Popstars, auch Idols genannt. Aber welche gesellschaftliche Bedeutung haben die Idols? Der Begriff »Idol« stammt ursprünglich von dem lateinischen Wort »idolum« (das wiederum aus dem Griechischen abgeleitet wurde) und bedeutet »Götze«. In den 1940er Jahren verwendete Hollywood diesen Begriff für den enormen Einfluss von Popstars auf moderne Menschen. Die als Idole bezeichneten Stars wurden angehimmelt. Diese Idealisierung von Stars schwappte in den 1990er Jahren nach Südkorea und entwickelte sich zu einer umfassenden Entertainmentindustrie, die vor allem von Sänger*innen angeführt wurde. Seitdem sind viele Popgruppen entstanden und wieder von der Bildfläche verschwunden. Heute sind Idols ein Schlüsselinstrument für die südkoreanische Popkultur geworden. Auftreten und Popularität südkoreanischer weiblicher Idols entspricht dem Aufstieg der »Girlpower«, die seit den 1990er Jahren in der globalen Popkultur floriert. Kim Ye-Ran, Medienwissenschaftlerin in Südkorea, wies darauf hin, dass im Kern dieses Phänomens »die Begeisterung für den Körper eines Mädchens im Kontext des liberalen Diskurses, der modischen Sexkultur und des neoliberalen Machtsystems entstanden ist«. Man sollte jedoch erwähnen, dass die Blütezeit der weiblichen Idols in der südkoreanischen Version tatsächlich ein anderes Wort für »das Zeitalter des Leidens von Mädchen« ist. Die Mädchen werden als hinreißend und jugendlich dargestellt und scheinen ihre Berühmtheit zu genießen. Ihre Erscheinung ist jedoch kein Ergebnis der Befreiung, sondern ein Ausdruck von normiertem Zwang. Anders gesagt sind Jugend, Gesundheit und Glamour nicht ein Zeichen ihrer Freiheit, sondern ein Zeichen ihrer Gefangenschaft. 

  1. Sulli und Goo Hara, ihre Körper und ihre Sexualität 

In Südkorea sind Idols nicht nur Objekte der Bewunderung und der Vergötterung; die Feindseligkeit ihnen gegenüber ist genauso intensiv und systematisch. Das sogenannte »Anti-Fandom« ist ebenso weit verbreitet wie »Fandom«, Hasskommentare stellen für Stars ein ständiges Problem dar. Ein Problem, das vor allem die Sängerinnen Sulli und Goo Hara betraf, über die oft gesprochen wurde. Sulli litt unter Klatsch über ihre Beziehung zu ihrem Freund und Fotos, die sie ohne BH oder in einem Lolita-Style zeigten. Goo Hara hatte mit Gerüchten über Schönheitseingriffe, Streit mit ihrem Freund und Klatsch über ein Sexvideo zu kämpfen. Ihre Körper und ihre Sexualität wurden wie Obiekte präsentiert, zu denen jede*r ihren*seinen Senf dazugeben konnte. Es ist interessant festzustellen, dass beide in einer Unterhaltungsindustrie, in der sogar unter Mitgliedern einer Gruppe Konkurrenz herrscht, gute Freundinnen waren. Tatsächlich zeigte sich Goo Hara extrem traurig während eines Instagram-Livestreams mit Fans, die direkt nach Sullis Selbstmord sehr um sie besorgt waren. Zu dieser Zeit kämpfte Goo Hara vor Gericht gegen ihren Ex-Freund, der ihr mit der Veröffentlichung eines Sexvideos drohte. Einen Monat später nahm sie sich im Alter von 28 Jahren das Leben. 

  1. Geschlechtsspezifische Schadenfreude 

Warum koexistieren Bewunderung und Vergötterung von weiblichen Idols mit der feindlichen Haltung ihnen gegenüber? Ich möchte diese komplexe Emotion, die die südkoreanische Öffentlichkeit gegenüber Idols und Prominenten hat, im Sinne von »geschlechtsspezifischer Schadenfreude« analysieren. Schadenfreude bezieht sich auf die Freude darüber, das Unglück oder den Schmerz anderer Menschen zu sehen. Neben dem Trend des Humilitainment, einem Sendungsformat, bei dem Prominente zwecks Unterhaltung in Verlegenheit gebracht werden, wird die Verbreitung von Schadenfreude heute auch als ein wichtiges Phänomen in der Popkultur angesehen. Es wird angenommen, dass der Ruhm von Prominenten nicht auf eine intrinsische Fähigkeit zurückzuführen ist, sondern auf eine einmalig erworbene Anerkennung, das heißt, aufgrund des Mechanismus berühmt zu werden, weil man berühmt ist. Insbesondere in der populären Kulturindustrie in Südkorea, die von einer kommerziellen Logik angetrieben wird, stellen sie keinen Gebrauchswert dar, sondern sind »menschliche Produkte«, die durch ihre Images Marktwert erlangt haben. Das Problem ist, dass diese Tendenz nicht nur auf Stars beschränkt ist, sie wird auch von gewöhnlichen Menschen auf der ganzen Welt erlebt. Doch gerade in der südkoreanischen Gesellschaft macht sich diese Entwicklung bemerkbar, die eine rasche und intensive Modernisierung und Umwandlung zu einem neoliberalen System erlebt hat. Junge Südkoreaner*innen streben nach Qualifikationen, um einen Job zu bekommen, und widmen ihre gesamte Zeit der Selbstoptimierung, um ihren »Marktwert« zu erhöhen. Und für die Gesellschaft, die unter diesem enormen Druck steht, gelten Prominente als Menschen, die zufällig »Berühmtheit erlangt haben«. Die britischen Kulturforscher*innen Cross und Littler sehen darin eine politische und soziale Konstellation, in der Schadenfreude über Prominente wirken kann. Eine berühmte Person, deren Marktwert in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit zufällig gestiegen ist, aber nicht wesentlich talentierter ist, muss eines Tages auch fallen. So sagte eine Person, die zu Lebzeiten Sullis Hasskommentare über sie verfasst hatte, in einer nach ihrem Selbstmord ausgestrahlten Sendung: »Prominente erhalten nicht nur Aufmerksamkeit und Liebe, sie müssen auch Hasskommentare bekommen und ertragen können. Es ist einfach so. Nur deshalb haben sie das Recht, teure Autos, teure Kleidung und all die guten Dinge zu genießen.« Es sollte zusätzlich darauf geachtet werden, dass der Inhalt von Schadenfreude je nach Geschlecht variiert. In Südkorea beziehen sich Anti-Fandom und Hasskommentare bei männlichen Entertainern oft auf ihre Staatsangehörigkeit und die damit verbundene Freistellung vom Militärdienst, auf ihre Bildung und den akademischen Hintergrund. Weiblichen Stars gegenüber konzentrieren sie sich auf Skandale, die ihren Körper und ihre Sexualität betreffen. Dies liegt daran, dass Frauen eher als sexuelle Objekte angesehen werden, die auf ihre Körper reduziert und nicht als Individuum angesehen werden. Allerdings ist dies kein Problem, das nur in Südkorea existiert, sondern ist auf den geschlechtsspezifischen Kontext des modernen Liberalismus zurückzuführen, genau genommen die Gründung einer bürgerlichen Kernfamilie, die aus männlichen Bürgern, sowie ihren Frauen und Kindern als Privateigentum besteht. Da die südkoreanische Gesellschaft jedoch eine rasche Modernisierung und Neoliberalisierung erfuhr, zeigt sich dieser Konflikt hier stärker. 

  1. Übermäßige Sexualisierung oder nicht sexualisierbare Objekte 

In der südkoreanischen Gesellschaft werden weibliche Idols nicht als Individuen angesehen, die Karrieren als Künstlerin gewählt haben. Es wird vielmehr von ihnen erwartet, dass man sie sexualisieren darf. Diese überbetonte Sexualität und das Bild eines unschuldigen Mädchens überschneiden sich: Es ist eine Strategie von weiblichen Idols, die nicht nur bei Fans, sondern auch innerhalb der breiten Gesellschaft Anerkennung finden wollten, sich als »jedermanns kleine Schwester« zu präsentieren, die auf den ersten Blick nicht sexuell ist. Weibliche Idols bauen ihre Karrieren als Entertainerinnen unter sozialem Druck auf. Bei öffentlichen Auftritten zeigen sie sexuelles Charisma, gleichzeitig sollen sie in der Lage sein, eine nicht-sexuelle Niedlichkeit darzustellen, wie sie etwa einer jüngeren Schwester entspricht. Aufgrund dieser Erwartungshaltung müssen Idols mit einem Einbruch der Popularität rechnen, wenn eine Liebesbeziehung ans Licht kommt. In diesem Zusammenhang kann man annehmen, dass Sulli die Grenzen als weibliches Idol überschritt, als sie ihre Liebesbeziehung mit ihrem Freund enthüllte und Fotos im Lolita-Style und ohne BH auf ihren sozialen Netzwerken veröffentlicht hatte. Über ihre Handlungen, die als bloße persönliche Hobbys oder Aktivitäten angesehen werden konnten, wurde im Internet von Medien oft berichtet, um Klickzahlen zu erhöhen. So wurde es für die Öffentlichkeit immer einfacher, jeden Schritt mit Hasskommentaren zu überschütten und Gerüchte zu verbreiten. Auch Goo Hara musste Hasskommentare und sexuelle Belästigung über sich ergehen lassen, nachdem ein Streit mit ihrem Freund und seine Drohung mit der Veröffentlichung eines Sexvideos in die Schlagzeilen gelangt war. Während des Prozesses, in dem es um ebendiese Veröffentlichung ging, erlitt sie außerdem von einem Richter eine sekundäre Viktimisierung, als der Richter die Überprüfung des Videos im Gerichtssaal anordnete, um zu beurteilen, ob das Video für Goo Hara bedrohlichen Inhalt enthielt oder nicht (schließlich sah sich der Richter das Video während des Prozesses persönlich an und traf die Entscheidung). Der Grund für die Suizide kann nicht auf einen singulären Auslöser reduziert werden. Allerdings können die misogynen Anfeindungen, die die jungen Sängerinnen erlebten, nicht als Motiv ausgeschlossen werden. 

  1. Die Frauen, die nur sie selbst sein wollten 

Sulli und Goo Hara waren keine hübsche Puppen, die die absurde und problematische Industrie nicht kannten, in der sie sich befanden, im Gegenteil: In einer Fernsehsendung etwa sagte Sulli, dass BHs unbequem seien und fragte, ob der weibliche Körper ohne BH nicht natürlicher und schöner sei. In einem Live-Streaming klärte sie über die Verwendung von Baumwollbinden auf und sagte, dass ihr das etwas unangenehm sei, darüber zu sprechen, diese sich jedoch für ihren Körper viel besser anfühlten und viele Frauen das wissen sollten. Später verteilte sie Baumwollbinden als Geschenk bei Treffen mit Fans. Goo Hara wiederum kontaktierte im März 2019 einen Reporter um ihm zu helfen, über einen Vorfall zu berichten, bei dem männliche Prominente Sexvideos mit Frauen in einem Messenger-Gruppenraum verbreiteten. Goo Hara und Sulli waren gewöhnliche junge Frauen, die ihre Erfahrungen in der südkoreanischen Unterhaltungsindustrie, die sie nur auf ihre Körper und Sexualität reduzierte, teilen wollten. Seit dem Femizid in der Nähe der U-Bahn-Station Gangnam im Jahr 2016 wurden dank Erwachen des Feminismus in Südkorea Erfahrungen und Forderungen von Frauen immer mehr in den Vordergrund gerückt. Auch die Popkultur ist von diesen Veränderungen betroffen. Viele weibliche Prominente werden immer beliebter, in dem sie offen über die sexistischen Situationen sprechen, die sie selbst erlebt haben, und ihre Erfahrungen zu Inhalten machen. Die Rollen, die Frauen in Seifenopern spielen, wurden vielfältiger, die Hauptdarstellerinnen bekamen komplexere und vielfältigere Texte. Außerdem ist das Auftreten von weiblichen Idols ebenfalls erwähnenswert, da sie sich jetzt auf die Leidenschaft von Frauen konzentrieren. Zum Beispiel haben Girlgroups wie Black Pink mit perfekt abgestimmten Tänzen, Texten, und farbenfroher Mode auf Plattformen wie YouTube eine enorme Popularität erlangt. Zusammen mit der Boygroup BTS sind sie talentierte Entertainerinnen, die gemeinsam die globale Popwelt eroberten. Gibt es inzwischen also Girlgroups, die sich in der südkoreanischen Gesellschaft nicht mehr als »jedermanns kleine Schwester« darstellen müssen? Um diese Frage zu beantworten, halte ich es für notwendig, lange über folgende Fragen nachzudenken: Wie interpretieren wir Sulli und Goo Hara? Und wie erinnern wir uns an jene, die nicht »jedermanns kleine Schwester«, sondern nur sie selbst sein wollten? 

Kim Ye-Ran (2014), Idol Republic: Globalisierung der Mädchenindustrie und Kommerzialisierung des Mädchenkörpers. In Korean Women’s Studies Institute (Hrsg.). Feministische Perspektiven auf Gender & Gesellschaft. Paju, Südkorea: Dongnyok. 

Cross, Steve & Littler, Jo (2010) Celebrity and Schadenfreude. Cultural Studies 24, 3, 395-417. 

Kim-Shin, Hyun-Gyung (2018) Idol Mädchen/Mädchengruppe und Schadenfreude: »Chat-Shire« von IU kontrovers neu lesen, Kritik. In Kim. Eun-Sil (Hrsg.) Feministische Kritik: das Recht auf eine bessere Debatte, Seoul, Südkorea: Humanist. 

Ich will das wissen. Episode 1191, Gerüchte über Gerüchte, Wer hat Jinri (Sullys richtiger Name) getötet (2019) SBS, 16.11.2019.