Wie man sich an den Krieg erinnert

Lee-Kil Bora ist Filmemacherin und Schriftstellerin sowie eine CODA 1Anm. d. Red.: CODA steht als Akronym für Children of deaf adults, also Kinder, die ein und mehrere gehörlose Elternteile haben.. Im Alter von 16 Jahren reiste sie als Backpackerin durch acht asiatische Länder und kehrte danach nicht mehr zur Schule zurück, sondern beschäftigte sich auf ihre Art und Weise in einer außerschulischen Gemeinschaft mit dem Schreiben, Reisen und Filmemachen. Diese Erfahrungen verarbeitete sie in ihrem ersten Dokumentarfilm Road Schooler während sie die Welt aus der Sicht ihrer gehörlosen Eltern im Film Glittering Hands zeigt. Erinnerungen und Geschichten rund um das Massaker an Zivilist*innen durch südkoreanische Soldaten während des Vietnamkriegs werden in der DokumentationUntold erzählt. (Stand 2021)
Dieser Artikel ist erstmals 2021 in der Printausgabe vom Koreaforum 28 erschienen.

Der koreanische Originaltitel des Films »Untold« (기억의 전쟁 auf koreanisch) heißt übersetzt „Krieg der Erinnerungen“. In diesem Film sammelt die Regisseurin Lee-Kil Bora unterschiedliche Erinnerungen im Zusammenhang mit der Beteiligung Südkoreas am Vietnamkrieg. Sie trifft vietnamesische Überlebende eines Massakers, südkoreanische Friedensaktivist*innen und ehemalige Soldaten. Im Verlauf des Films beginnt man zu erkennen, wie die verschiedenen Erinnerungen über einen Krieg in der Vergangenheit zu einem Krieg der Erinnerungen in der Gegenwart werden. Allerdings zeigt der Film, dass diese Erinnerungswelten in der jeweils eingeschränkten Subjektposition zu keiner allgemeingültigen Aussage über Krieg führen können und eine Grenzziehung zwischen Opfer und Täter immer schwierig bleibt. Wir haben mit der Regisseurin über die Problematik binärer Kategorisierung, nationaler Repräsentation und die Rolle der künstlerischen Darstellung gesprochen.

KOREA FORUM: Ihr neuestes Werk Untold ist ein Dokumentarfilm über das Massaker der südkoreanischen Armee2Anm. d. Red.: Am 11.09.1964 wurden die ersten südkoreanischen Truppen in den Vietnamkrieg entsendet, bis April 1966 wurden insgesamt vier südkoreanische Kampftruppen durch die Regierung von Park Chung-Hee nach Vietnam geschickt. an Zivilist*innen während des Vietnamkrieges. In Südkorea gilt dies als ein sehr empfindliches Thema, der Zugang zu Informationen ist beschränkt. Wie kamen Sie darauf, einen Film darüber zu machen? 

Zwei junge Menschen statten einen Besuch auf einem Friedhof ab
Die Nachkommen der Ermordeten gedenken jedes Jahr mit einem Ritual dem Massaker. Foto/Copyright: Cinema Dal

LEE-KIL BORA: Die Erinnerungen an den Vietnamkrieg beginnen mit meiner eigenen Familiengeschichte. Mein Großvater war Soldat im Vietnamkrieg. Wenn ich als Kind zu meinen Großeltern fuhr, sah ich Verdienstorden und Auszeichnungen für den Einsatz in Vietnam, die stolz an der Wand hingen. Er hat unsere Familie von dem Geld, das er in Vietnam verdient hat, ernährt. Ich hatte im Geschichtsunterricht gelernt, dass Südkorea damals sehr arm war und durch die Entsendung von Soldaten nach Vietnam eine Grundlage für das wirtschaftliche Wachstum Südkoreas geschaffen werden konnte. Das war alles, was ich über den Vietnamkrieg wusste. Nach einiger Zeit erkrankte mein Großvater an den Spätfolgen des in Vietnam versprühten Entlaubungsmittels Agent Orange an Krebs und starb schließlich daran. Dadurch bekam ich als Nachfahrin eines Kriegsveteranen mit besonderem Verdienst für das Land die Möglichkeit, ein Stipendium für mein Studium zu erhalten. Letztlich konnte ich nicht alle Bedingungen erfüllen, doch ich war glücklich, dass ich überhaupt einen Anspruch darauf gehabt hätte. Aber als Erwachsene wusste ich bereits, dass die südkoreanische Armee in Vietnam viele Zivilist*innen getötet hatte. All das war während des Krieges passiert, an dem mein Großvater beteiligt gewesen war und durch den meine Familie und ich sogar Vorteile genossen hatten. Diese Fakten waren mir bekannt, aber die Erinnerungen waren dennoch verstreut. Und dann habe ich mich gefragt, warum diese Erinnerungen so segmentiert sind und mich entschlossen, nach Vietnam zu gehen. So begann mein Film. 

KOREA FORUM: Als Zeitzeug*innen sind im Film drei Dorfbewohner*innen in Vietnam zu sehen, die ihre Erinnerungen an den Krieg schildern. Wieso erzählen Sie Ihren Film aus der Perspektive von Menschen, die unterprivilegiert oder unterrepräsentiert am Rande der Gesellschaft leben? 

LEE-KIL BORA: Während der Filmarbeiten haben wir uns die Frage gestellt, wie man den Krieg verstünde, wenn nicht nur die Perspektive des Mainstreams oder der offizielle Standpunkt erzählt werden würde. Ich habe in Vietnam verschiedene Menschen getroffen und mich entschieden, die Geschichten von jenen zu erzählen, die selbst Opfer des Krieges geworden sind: Thanh, Frau und Kriegsopfer der zweiten Generation, Lâp, der sehbehindert, und Câm, der gehörlos ist. Da ich selbst zur dritten Generation nach dem Krieg gehöre, eine Frau und eine CODA bin, war es vielleicht naheliegend, dass ich mich gerade für die Geschichten dieser drei Personen interessierte. 

Erinnerungen der Zivilgesellschaft, Kriegsveteranen und des Staates 

KOREA FORUM: Nicht nur die Erinnerungen der Betroffenen in Vietnam, sondern auch die der südkoreanischen Zivilgesellschaft und der Kriegsveteranen wurden in dem Film mit einbezogen. Warum haben Sie den Fokus so weit ausgedehnt? 

LEE-KIL BORA: Anfänglich wollte ich den Film nur anhand der Geschichten dieser drei Personen erzählen, aber ich merkte bald, dass die Erinnerungen von drei Menschen nicht ausreichen würden. Dann fand zufällig ein Moot Court in Seoul statt, das von einer südkoreanischen Bürger*inneninitiative organisiert wurde: Das People’s Tribunal on War Crimes by South Korean Troops during the Vietnam War, bei der auch Frau Thanh gesprochen hat. Ich habe mich damals entschieden, verschiedene Erinnerungen in einem Film zu zeigen, nicht nur die Erinnerungen der drei Kriegsüberlebenden, sondern auch die zivilen Bemühungen der südkoreanischen Bevölkerung zur Wahrheitsfindung. Auch die beiden Museen The War Memorial of Korea und War Remnants Museum in Vietnam, die voller Stolz auf die Beteiligung der südkoreanischen Truppen während des Vietnamkriegs hinweisen, die Erinnerungen von Reisenden, die die Schauplätze besuchen, und die Demonstrationen von nach Vietnam entsendeten Soldaten, die ein Massaker an Zivilist*innen abstreiten, sind so zum Teil des Filmes geworden. Ich möchte, dass sich das Publikum damit auseinandersetzt, wie wir uns heute an den Krieg und an die Massaker der vergangenen Generationen erinnern sollten. Das ist natürlich auch eine Frage, die ich mir selbst stelle. 

KOREA FORUM: Als im Film Frau Thanh nach Südkorea kommt, um über das Leid des Krieges zu sprechen, protestieren direkt vor der Veranstaltung Kriegsveteranen, die in Vietnam stationiert waren. In dieser Szene kann man Grenzen zwischen Täter*innen und Opfern infrage stellen. Südkoreaner*innen verfolgen im Geschichtsunterricht einen nationalistischen Ansatz, der aus dem Widerstand gegen die Kolonialherrschaft Japans entspringt. Wir haben uns selbst immer als Opfer verteidigen müssen. Aber im Falle des Vietnamkriegs könnte Südkorea natürlich auch Täter sein. Das heißt nicht, dass alle südkoreanischen Soldaten in Vietnam damals an den Vergewaltigungen oder Massakern beteiligt waren, und unabhängig davon gibt es auch eine Vielzahl an Menschen, die durch den Einsatz von Agent Orange selbst zu Opfern wurden. Je nach Sachverhalt und Beziehung kann ein Mensch also Täter oder Opfer sein. Deshalb war es sicherlich schwieriger für Sie, die Erinnerungen der Kriegsveteranen zu zeigen. 

Eine Gruppe von uniformierten koreanischen Kriegsveteranen protestiert überwiegend sitzend mit Plakaten in der Hand
Protest von Kriegsveteranen. Foto/Copyright: Cinema Dal

LEE-KIL BORA: Das war ein großer Streitpunkt während der Produktion des Filmes. Weil man bei Untold (der koreanische Titel lautet wörtlich: »Krieg der Erinnerungen«) bereits beim Titel erahnt, dass es um die Kollision zwischen zwei Erinnerungen geht, und ich einen solchen Film gerade nicht machen wollte. In einem Krieg gibt es nicht nur die beiden Subjekte Täter und Opfer, der Täter ist gleichzeitig auch Opfer des Krieges. Auf die Frage, wie man sich an den Krieg erinnern soll, ist nicht einfach die Konstellation »Gut und Böse« anzuwenden. Ich glaube nicht, dass es einen reinen Täter und ein reines Opfer gibt. Haben nur Kriegsveteranen Verbrechen begangen und wir keine Schuld? Haben die Regierung und diejenigen, die damals dadurch Vorteile erlangt haben, keine Schuld? Was ist mit meiner Generation, die diese Vorteile geerbt hat? Das waren meine Gedanken. Und so kam es, dass ich verschiedene Erinnerungen zeigen wollte. 

Repräsentation, Darstellung, Schnittpunkte der Solidarität

KOREA FORUM: In der Geschichtsaufarbeitung ist das Subjekt ein Schlagwort, das nicht vergessen werden darf. Wenn man beispielsweise auf die Problematik der »Trostfrauen« schaut, sehen wir, dass die Täter die Soldaten aus dem damaligen japanischen Kaiserreich waren, aber wir eine Entschuldigung von der Regierung des modernen japanischen Nationalstaates erwarten. Der Grund ist, dass trotz der Zeit, die vergangen ist, die rechtliche Subjektqualität fortlebt. Der Staat beziehungsweise die Regierung ist das Subjekt der offiziellen Entschuldigungen, sodass die einzelnen japanischen Bürger*innen nicht das Subjekt der Reue sind. Für die Opfer in Vietnam sind Sie eine Filmemacherin aus dem »Täterstaat«. Es gab Zeitungsberichte, wonach ihr Drehteam in einigen Dörfern Menschen mit einer feindlichen Meinung gegenüber Südkoreaner*in- nen traf. In diesem Sinne waren die Dreharbeiten sicherlich nicht einfach. Wie war der Prozess der Kommunikation und wie sind sie der Polarität von Täterschaft und Opferschaft entkommen und haben eine Verbindung geschaffen? 

LEE-KIL BORA: Ja. Einige Dorfbewohner*innen waren nicht besonders glücklich darüber, dass wir mit Frau Thanh sprachen und manche wollten sie sogar davon abhalten, mit uns zu arbeiten. Gleichzeitig standen unsere Protagonist*innen, die ja Überlebende des Massakers waren, Südkoreaner*innen gegenüber, denen sie bisher mit Angst begegnet waren, und mussten im Gespräch Erinnerungen daran hervorholen, wie ihre Familien grausam ermordet wurden, und dann nach den Interviews versuchen, die Trauer wieder zu verarbeiten. Dazu kamen noch Leute, die neidisch auf sie waren. Im Dorf gab es natürlich viele Überlebende, aber das Filmteam oder die Teilnehmenden des Friedensmarsches3Anm. d. Red.: Der Friedensmarsch ist ein von der Korea- Vietnam Peace Foundation durchgeführtes Programm, das Besuche für am Vietnamkrieg beteiligte südkoreanische Soldaten in den angegriffenen Dörfern organisiert und Begegnungen mit vietnamesischen Autor*innen und Kriegsopfern schafft. Die Korea-Vietnam Peace Foundation wurde 2016 zur Reflexion und Entschuldigung für den Vietnamkrieg gegründet und ist eine gemeinnützige Friedensbewegung.  konnten nicht alle Opfer persönlich besuchen. Wir haben uns auf einige wenige konzentrieren müssen. Deshalb gab es unter den Überlebenden auch Menschen, die sich ungerecht behandelt gefühlt haben oder neidisch waren. Als Filmemacherin und als jemand, die an der Vergangenheitsbewältigung aktiv teilnimmt, habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich gut zuhören und mich gut erinnern kann. Um eine Beziehung zu den Einwohner*innen aufbauen zu können, war mir zunächst wichtig, ihnen gut zuzuhören. Als die Dorfbewohner*innen Ahnenrituale durchführten, um der Opfer des Krieges zu gedenken, waren wir mit dabei. Da eine Kamera teilweise sehr gewaltsam sein kann, haben wir versucht aufzupassen, die Menschen nicht planlos zu filmen. 

—Foto—Fünf Interview Szenen vor grüner Wand

»Viele Dorfbewohner*innen waren empört.« 

»Sie haben nicht verstanden, warum ich mich mit den Südkoreaner*innen getroffen habe.« 

»Sie sagten, Südkoreaner*innen hätten unser Volk getötet.« 

»Und ich sollte nicht mit ihnen reden.« 

»Sie versuchten, uns daran zu hindern, uns zu treffen.« 

KOREA FORUM: Es klingt, als ob sich ihr Drehteam mit ziemlich komplexen Emotionen der Bewohner*innen konfrontiert sah. Hatten Sie sich in Ihrem Team mit den ethischen Fragen zur Repräsentation auseinandergesetzt, wie z.B. wer für was steht, wie man als kunstschaffende Person die Stimme der Unterrepräsentierten darstellt usw.? 

LEE-KIL BORA: Viele Südkoreaner*innen fragten mich, warum die Vietnames*innen nicht selbst die Aufarbeitung des Massakers in die Hand nähmen. Es ist genau die Frage nach der Selbstvertretung, die auch mit Ihrer Frage nach der Repräsentation zu tun hat. Um die Frage zu beantworten, ist es wichtig zu wissen, dass sowohl die vietnamesische Regierung als auch die Medien darauf bedacht sind, für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung eine freundliche Beziehung zu Südkorea aufrechtzuerhalten. Deswegen thematisieren sie die Massaker an Zivilist*innen durch südkoreanische Soldaten nicht. Und da Vietnam ein kommunistischer Staat ist, ist es für die Bürger*innen schwieriger, Argumente gegen die staatliche Linie zu formulieren. Daher ist es ebenfalls schwierig für Vietnames*innen, selbst Filme zu Massakern zu produzieren und Bewegungen zur Wahrheitsfindung und Aufarbeitung zu initiieren. Vor diesem Hintergrund war es auch für mich kompliziert, Leute zu finden, die Filme zu solchen Themen drehen oder sonst politisch aktiv sind. In Südkorea gibt es verschiedene Beispiele von Opfern von Staatsgewalt, die als Betroffene selbst eine Bewegung initiiert haben und anderen Bürger*innen helfen, aber in Vietnam nicht. Tatsächlich hat Frau Thanh in Südkorea u.a. Überlebende von den sogenannten »Trostfrauen« und verschiedene Aktivist*innen ziviler Organisationen getroffen und sagte, dass es sie inspiriert habe zu sehen, wie sie sich selbstständig organisieren und für ihre Sache kämpfen. Deshalb wollte Frau Thanh auch weiter an dieser Bewegung teilnehmen. Ich habe dann meinerseits immer überlegt, wie ich mich als Filmemacherin mit diesen Menschen solidarisieren kann. 

Frau Tranh spricht mit einem Mikrofon in der Hand auf einer Kundgebung mit Überlebenden der sogenannten »Trostfrauen«.
Frau Thanh nahm an einer »Mittwochsdemonstration« mit Überlebenden der sogenannten »Trostfrauen« in Seoul teil. Foto/Copyright: Cinema Dal

KOREA FORUM: Genauso wie die Frage, wer was repräsentiert, ist auch das Problem, wer was wie darstellt, sehr wichtig. In dem Film Untold wird deutlich, dass sie sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt haben. Besonders die Schilderungen des gehörlosen Protagonisten Dinh Câm sind ein gutes Beispiel dafür und sehr ausdrucksreich. Es war sicherlich ganz besonders, seine Art der Kommunikation mit Ihnen in Gebärdensprache und Schrift zu sehen.

LEE-KIL BORA: Das Interessante war vor allem, dass ich mit Herrn Dinh Câm ohne Dolmetscher kommunizieren konnte. Wenn ich oder das Produktionsteam in Vietnam mit jemandem sprechen wollte, hatten wir immer einen Dolmetscher dabei. Er war der einzige Gehörlose im Dorf und hatte nie eine Schule für Gehörlose besucht, geschweige denn eine Regelausbildung erhalten, und benutzte daher nicht die vietnamesische Gebärdensprache, sondern seine eigene Art des Gebärdens, ein Home Sign4Anm. d. Red.: Körpersprache, die unter nahen Angehörigen gebräuchlich ist. . Deshalb gab es niemanden, der Dinh Câm übersetzen konnte. Auch ich habe ihn nicht von Anfang an verstehen können. Aber ich habe immer wieder über seine Bilder in dem Notizbuch, seine Hand- und Fußgesten und Mimik kommuniziert und konnte nach und nach sein Sprachsystem begreifen. Dinh Câm wiederum hat allmählich die koreanische Gebärdensprache verstanden. Ich glaube, wir konnten irgendwie besser kommunizieren als andere Menschen. Mir fiel ein, was mein Vater mal zu mir gesagt hatte: Gehörlose Menschen im Ausland wirken mehr wie »unsereins« als Koreaner*innen. 

Câm, ein vietnamesischer Mann mittleren Alters, sitzt vor einem Fenster und deutet auf sein linkes Auge, während er seine Erinnerungen teilt.
Câm (gehörlos), Überlebender des Phong Nhi-Massakers, teilt seine Erinnerungen in Home Sign mit. Foto/Copyright: Cinema Dal

KOREA FORUM: Anfang 2020 waren Sie in Berlin und haben beim Korea Verband Ihren Film Glittering Hands gezeigt. Vor allem das Gespräch im Anschluss mit dem vorwiegend gehörlosen Publikum war sehr beeindruckend. Die gehörlosen Zuschauer*innen haben sich in deutscher, koreanischer und englischer Gebärdensprache unterhalten und erst mit der Verdolmetschung in die englische und deutsche Lautsprache konnte das hörende Publikum die Gespräche verstehen. Für Hörende mag es eine neue Erfahrung sein, aber dadurch konnten wir wenigstens kurz in den geräuschlosen Alltag hineinsehen. 

LEE-KIL BORA: Glittering Hands ist ein Film über Gehörlose und deren Kinder, sodass ich selbstverständlich darüber nachgedacht habe, wie man das Kinoerlebnis für Gehörlose gestalten könnte. Bei Veranstaltungen, bei denen das Publikum hören kann, können Dolmetscher*innen in Kabinen sitzen, die Zuhörer*innen bekommen entsprechende Empfangsgeräte und das Gesprochene wird auditiv übertragen. Aber wenn Gebärdendolmetschen hinzukommt, sind Kameras, Beamer und Leinwände notwendig. Gehörlose verstehen nämlich die Gebärdensprache und die Mimik der Dolmetscher*innen. Wenn Hörende einmal erleben, dass verschiedene Sprachsysteme miteinander kombinierbar sind, erkennen sie, dass es lediglich etwas kompliziert, aber auf keinen Fall unmöglich ist. Solch eine Umgebung zu schaffen ist für Gehörlose ein Grundrecht, aber gleichzeitig glaube ich, dass es eine gute Erfahrung für Hörende sein kann. 

Weiblicher Körper und Behinderung: Krieg zwischen Normalität und Anormalität 

KOREA FORUM: Der Film, an dem Sie gerade arbeiten, handelt vom weiblichen Körper und Behinderung. Können Sie ihn uns kurz vorstellen? 

LEE-KIL BORA: Ja, ich arbeite gerade am Film Our Bodies, der von der Erfahrung mit Schwangerschaftsabbrüchen von mir, meiner Mutter und meiner Großmutter, also drei Generationen, handelt. Meine Großmutter spricht Lautsprache, meine Mutter Gebärdensprache und ich spreche beides und dolmetsche zwischen den beiden Sprachen. Der Teaser des Filmes lautet: »Ich habe abgetrieben, meine Mutter hat abgetrieben, meine Großmutter hat abgetrieben. Aber warum können wir nicht gemeinsam darüber sprechen?« 

KOREA FORUM: Dieser Teaser weist auf eine langwierige Geschichte der Bevölkerungspolitik, Selbstbestimmung und vor allem des Kampfes gegen die willkürliche Grenzziehung zwischen Normalität und Anormalität hin. 

LEE-KIL BORA: Ja, dieser Film handelt im Grunde vom Paradigma »normal-anormal«. Meine Großmutter konnte damals wegen der Familienpolitik in Südkorea einen erlaubten Schwangerschaftsabbruch durchführen.5Anm. d. Red.: Die südkoreanische Regierung hat im Jahr 1973 im Zuge der Familienplanungsförderung das Mutter-Kind-Gesundheitsgesetz eingeführt, um Schwangerschaftsabbrüche in Fällen wie z.B. von eugenischen Krankheiten zu fördern und zu unterstützen. Sie hatte zwei gehörlose Söhne bekommen, und weil sie diese Behinderung hatten, wurden sie in der südkoreanischen Gesellschaft nicht als »normale« Männer angesehen, die die Familienlinie weiterführen konnten. Auch ihre beiden Töchter wurden in der patriarchalen Gesellschaft nicht als »normal« erachtet. So hatte sie, die keine »normalen« Kinder geboren hatte, ihren eigenen Körper als sündig und falsch wahrgenommen. Meine Mutter kam mit einer Hörbehinderung auf die Welt und musste sich, nachdem sie mich und meinen Bruder geboren hatte, anhören, dass es ein großes Glück sei, dass sie »normale« Kinder habe. Obwohl meine Mutter es gar nicht schlimm gefunden hätte, wenn ihre Tochter nicht hören könnte. Und dann gibt es mich, die von einem »nicht normalen« Körper geboren wurde, aber aufgrund dessen, dass ich ein Mädchen war, fast abgetrieben worden wäre. Als ich geboren wurde, gab es die Technik, weibliche und männliche Kinder im Mutterleib zu unterscheiden, und viele vornehmlich weibliche Föten wurden abgetrieben. Auch ich, die seit meiner Kindheit Geschlechterdiskriminierung erfahren musste, habe selbst abgetrieben. Es ist nicht nur die Geschichte von den Schwangerschaftsabbrüchen dreier Generationen meiner Familie und von Behinderung, sondern auch die Geschichte von uns, die unermüdlich gegen die »Normalitätsideologie« rund um die Behinderung kämpften und immer noch kämpfen. Es wird die Geschichte von drei Personen erzählt, die zwar die gleiche Erfahrung gemacht haben, die aber weder privat noch öffentlich darüber sprechen können. Und durch den Film thematisieren wir nicht nur die Behinderung, sondern auch die Frage nach einer Definition von Normalität. 

Das Interview wurde im Mai 2020 von Choo Young-Rong und Lee Aram geführt. 

Titel: Untold 

Regie: Lee-Kil Bora 

Produktion: Whale Films 

Verleih: Cinema Dal 

Erschienen am 27. Februar 2020 

Sprachen: Vietnamesisch. Koreanisch. Englisch. 


1 Anm. d. Red.: CODA steht als Akronym für Children of deaf adults, also Kinder, die ein und mehrere gehörlose Elternteile haben.

2 Anm. d. Red.: Am 11.09.1964 wurden die ersten südkoreanischen Truppen in den Vietnamkrieg entsendet, bis April 1966 wurden insgesamt vier südkoreanische Kampftruppen durch die Regierung von Park Chung-Hee nach Vietnam geschickt.

3 Anm. d. Red.: Der Friedensmarsch ist ein von der Korea- Vietnam Peace Foundation durchgeführtes Programm, das Besuche für am Vietnamkrieg beteiligte südkoreanische Soldaten in den angegriffenen Dörfern organisiert und Begegnungen mit vietnamesischen Autor*innen und Kriegsopfern schafft. Die Korea-Vietnam Peace Foundation wurde 2016 zur Reflexion und Entschuldigung für den Vietnamkrieg gegründet und ist eine gemeinnützige Friedensbewegung. 

4 Anm. d. Red.: Körpersprache, die unter nahen Angehörigen gebräuchlich ist. 

5 Anm. d. Red.: Die südkoreanische Regierung hat im Jahr 1973 im Zuge der Familienplanungsförderung das Mutter-Kind-Gesundheitsgesetz eingeführt, um Schwangerschaftsabbrüche in Fällen wie z.B. von eugenischen Krankheiten zu fördern und zu unterstützen.

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    Anm. d. Red.: Am 11.09.1964 wurden die ersten südkoreanischen Truppen in den Vietnamkrieg entsendet, bis April 1966 wurden insgesamt vier südkoreanische Kampftruppen durch die Regierung von Park Chung-Hee nach Vietnam geschickt.
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    Anm. d. Red.: Der Friedensmarsch ist ein von der Korea- Vietnam Peace Foundation durchgeführtes Programm, das Besuche für am Vietnamkrieg beteiligte südkoreanische Soldaten in den angegriffenen Dörfern organisiert und Begegnungen mit vietnamesischen Autor*innen und Kriegsopfern schafft. Die Korea-Vietnam Peace Foundation wurde 2016 zur Reflexion und Entschuldigung für den Vietnamkrieg gegründet und ist eine gemeinnützige Friedensbewegung. 
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    Anm. d. Red.: Körpersprache, die unter nahen Angehörigen gebräuchlich ist. 
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    Anm. d. Red.: Die südkoreanische Regierung hat im Jahr 1973 im Zuge der Familienplanungsförderung das Mutter-Kind-Gesundheitsgesetz eingeführt, um Schwangerschaftsabbrüche in Fällen wie z.B. von eugenischen Krankheiten zu fördern und zu unterstützen.